[pg 10] Wie lächerlich klein die Häuser geworden sind! Richtig eingeschrumpft sind sie.

Ach, die kleinen Straßen! Hinauf und hinunter! Die Schwalben schießen zwitschernd an den grauen, gelben, weißen und blauen Häuserchen hin. Ein paar gelbflaumige Gänseküchelchen piepen auf dem Pflaster umher. Dort drüben sehen die weiten grünen Felder und Gärten in die Stadt herein; über die Dächer hinweg die blaue, sonnendunstige Ferne.

Ach, und so still! Wie still hier die Welt geblieben ist! Nur fernher rattert langsam, schläfrig ein Lastwagen. Unten schwatzen ein paar Nachbarn über die Gasse hinüber. Ich höre ganz deutlich, was sie sprechen; Wort für Wort.

Weiter. –

Hier haben wir Ball gespielt. Hier hab ich einmal einen Silbergroschen gefunden und ihn sträflich in Johannisbrot und Kirschen vergeudet. Hier haben wir gewohnt, und hier; und hier wurde ich geboren … Ach, ach, ach – In dem kleinen Häuschen da noch der alte Buchbinderladen mit der schön waschblau gestrichenen Tür. Hier habe ich mir Neuruppiner Bilderbogen und Bleistifte gekauft. Ich trete ein. Eine alte Frau. Ich kenne sie sofort wieder. Ordentlich Herzklopfen bekomm ich. Ich mache einen kleinen Einkauf. Sie kennt mich nicht mehr. Natürlich … Nein, anreden will ich sie nicht. Still weiter! –

Und nun den alten Marktplatz hinauf. Da, der mittelalterliche Rathausturm mit der blauen Sonnenuhr. Dort oben wohnt noch der Türmer, der die entsetzliche Brandglocke läutete, wenn Feuer ausgebrochen war. Der Türmer, [pg 11] der abends immer so schöne Choräle über die stillen roten Dächer beruhigend in den schönen Feierabend hineinblies. Die Falken schrillten dazwischen, und die Schwalben schossen in langen, weiten Bogen um das spitze Schieferdach des Turmes, auf dem die Abendsonne lag.

Hier auf dem Markt versammelten sich in ihren grünen Röcken und steifen Tschakos mit den schwarzen Hahnfederbüschen – nur die Musik hatte rote – die Stadtschützen, wenn draußen vor der Stadt im Schützengarten hinter dem alten Schloß Mannschießen war. Das dauerte immer acht Tage. Jeden Tag zogen sie hinaus, und es war ein schönes, aufregendes Fest.

Wie spät? Was! In einem kleinen Stündchen hab ich das ganze Nest durchstreift und stehe vor dem anderen Tor. Da ist die alte Grabenbrücke. Durch Brennesseln und Scherben krochen wir Jungens hindurch in ein enges altes Gewölbe, das wir unter einem Garten aufgestöbert hatten. Hinten konnten sich gerade noch ein paar Sonnenstrahlen durch eine vergitterte Luke zwängen, die ein bläuliches Dämmerlicht gaben. Wir machten hier Rauchversuche mit Pfennigzigarren, lasen grellbunt illustrierte Räuber- und Indianergeschichten und unternahmen, von ihnen begeistert, allerlei Raubzüge in die Gärten und Schotenfelder der Umgegend. –

Und jetzt steh ich draußen auf den grünen Bergen. Die Wolfsmilch blüht wie früher zwischen den Kalksteinen, und die frische Luft weht immer noch über die Gräserchen und Hungerblümchen, die sich zwischen dem Geröll hervorzwängen. Immer noch taumeln die weißen und gelben Schmetterlinge drüberhin, und unten im Tale fließt der [pg 12] Bach zwischen Wiesen und Gärten und stürzt über die brausenden Mühlwehre.

Und dort auf der Anhöhe das Schloß. Der Marterturm, der alte, riesige graue Wachtturm, die hohe Schloßkirche. Die dicken, ungeheuren, unverwüstlichen Wallmauern, zwischen denen Ebereschen und Vogelbeeren hervorbrechen. Weit, weit dehnen sie sich in die Runde. Tief der alte Wallgraben mit Gras und Gebüsch, hier und da voll Geröll und Mauerstücken. Die tiefen schwarzen Schießscharten. Die Brücke und das Tor mit den Wappen und Kruzifixen und den steinernen, knienden Rittern davor.