Wir sehen also, daß, wenn sich die gegenwärtige Krisis der exakten Wissenschaft dahin löst, daß die Wissenschaft die notwendigen und sich von selbst ergebenden Konsequenzen aus den beiden endgültig exakt von ihr ausgemachten Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Ewigkeit von Kraft und Polarität zieht, wie das nur ganz unerläßlich und unausweichlich ist, nicht nur die Wissenschaft selbst erst wirklich exakt wird und ihre Disziplinen endgültig ausbauen kann, sondern daß sich, was noch ungleich wichtiger ist, auch die gegenwärtige, so überaus brennende und bedenkliche religiöse Krisis lösen kann! Dies kann aber nur dadurch und in dem Sinne geschehen, daß Hauptprämisse und Grundtatsache der Religion, wie sie von allem Uranfang an durch im wesentlichsten Betracht unerschütterliche Tradition bis hierher sich erhalten hat, in ihrer absoluten Gültigkeit endgültig von der Wissenschaft in dem Sinne bestätigt wird, wie es in diesem unseren Zusammenhange geschehen ist, der die endgültige exakteste Bestätigung der religiösen Haupttatsache geleistet hat!

Im näheren Betracht aber kann die Lösung der religiösen Krisis nur erreicht werden in Gestalt einer Lösung des christlichen Problemes!

Diese Lösung kann uns indessen nicht mehr schwer fallen.

Denn offenbar hat der Christus eine Hauptfunktion der Entwicklung geübt, nämlich er hat im Prinzip menschliche Gattung als solche zu ihrem umfassendsten Abschluß gebracht. Wir wissen aber, daß dies eine Funktion ist, die nur das motorische Individuum selbst und persönlich leistet. Also ist Christus, ist Jesus von Nazareth das motorische Individuum selbst gewesen! Und also hat das Dogma der christlichen Religion, welches ausspricht, daß Jesus »Gottes eingeborener Sohn« und Gott selbst in organisch-menschlicher Erscheinung ist, vollständig recht! Denn diese Fassung des Dogmas kann nichts anderes bedeuten, als daß Jesus von Nazareth, der »Christus«, die organische Erscheinung des absoluten Individuums (der »Vater«), das motorische Individuum (der »Sohn«) ist!

Wir werden, da ja das motorische Individuum Paar-Individuum ist, nach der weiblichen Ergänzung Jesu fragen? Aber es kann gar kein Zweifel bestehen, daß diese vorhanden gewesen ist! Wenn sie aber nicht als sein Weib, d. h. als seine gattlich zeugerische und gebärende Ergänzung vorhanden war, so kann das seinen Grund einzig darin haben, daß das motorische Individuum, wenn es eine organische Form, die ihre äußerste Entwicklungsmöglichkeit erreicht hat, zunächst als solche abschließt, nicht seine Funktion als patriarchalischer Erzeuger einer neuen Gattung übt! – Aber es ist gesagt worden, daß der Christus wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Da das aber nur heißen kann, daß das motorische Individuum, Gott selbst als organisches Individuum, wiederkommen wird, und da es ferner nur heißen kann, daß, da menschliche Gattung alsdann durch das fortwirkende Prinzip des Christus wirklich vollkommen fertig geworden ist, eine neue organische Form erzeugt wird, so wird der »Christus«, d. h. das motorische Individuum, wenn es einst persönlich wieder da sein wird, durchaus seine patriarchalische zeugerische Funktion üben. Mag sein, daß alsdann »die Toten« aller überwundene menschliche Bestand bedeutet und »die Lebendigen« die neuwerdende Gattung; denn »lebendig« im polar-zentralen Sinne ist ja stets nur die organische Form, in welcher das motorische Paar persönlich vorhanden ist und zeugend wirkt oder weiter wirkt. (Die »Himmel«- und »Hölle«-Vorstellungen der christlichen Mythe werden also in ihrer Wirklichkeit nicht gar so entsetzlich sein, denn ein ewiger »Himmel« und eine ewige Seligkeit, wie sie die christliche Mythe sich vorgestellt, ist gewiß auf die Dauer kaum weniger fürchterlich als eine ewige »Hölle« und »Höllenstrafe«. Aber die große religiöse Grundtatsache hat neben allem anderen wohl auch stets so ihren »Witz«, der ganz gewiß auch seinen praktischen Wert haben wird.)


Man könnte nun aber fragen, ob es sich wirklich auch diesmal um die Erzeugung einer wesentlich neuen und höheren organischen Gattung handeln wird? Ob also wirklich der heute so viel herumspukende »Übermensch« eines Tages vorhanden sein wird?

Die Frage wäre nicht ohne Sinn und Berechtigung. Denn es ist zu bedenken, daß ja die Entwicklung und auch die des Bewußtseins einmal ein Ende nimmt, daß eine wirklich höchstbewußtheitliche organische Gattung eines Tages die letzte und daß der Abschluß derselben der letzte Abschluß sein wird, den das motorische Individuum vollzieht.

Es ist nun sehr bezeichnend, daß die deutsche Metaphysik in ihren äußersten Ausläufern so viel vom »letzten Ende«, vom »Unbewußten« gehandelt hat. Sehr schön ist z. B. auch gelegentlich einmal von Friedrich Schlegel Novalis gegenüber die christliche Religion die »des Todes« genannt und Novalis als Jemand bezeichnet worden, der »Sinn für den Tod« hat.