Der Marterturm.

Es ist Spätnachmittag. Ich stehe vor der Hausthür und lasse mich von der Sonne und der frischen Bergluft, die über die Höhenwiese herweht, zu einem Spaziergang einladen.

Unwillkürlich lenke ich meine Schritte zum Schlosse hin.

Bald habe ich in nur noch kurzer Entfernung das graue, weitgedehnte Mauerwerk mit seinen Bastionen und Basteien vor mir, mit dem altertümlichen Gebäude des Kreisgerichtes, den Domänen-Gebäuden, dem Kirchturm der Schloßkirche und vor allem dem Wachtturm und dem Marterturm, grau, tot, beide hergeisternd seit Urzeiten in alles buntfröhliche Leben hinein.

Mir fällt ein, daß ich doch eigentlich noch nie den Marterturm betreten habe, der so „außerordentlich interessant“ sein soll. Und nun wandelt mich plötzlich ein Verlangen an, sein Inneres einmal in Augenschein zu nehmen.

Ich will bei dieser Gelegenheit gleich meinem Freund, dem Herrn Aktuar Nerrlich, so eine Art vorläufige Antrittsvisite machen. Bestimmt werde ich ihn oben im Archiv des Kreisgerichts finden, und dann kann er mir wohl auch gleich zu dem Turmschlüssel verhelfen, der es mir ermöglicht, für einige Zeit mal in dem alten Burschen von Turm umherzukramen.

Langsam und vorsichtig steig’ ich den Kalksteig mit seinem kurzen Rasen, auf dem man zuweilen ausrutschen kann wie auf Glatteis, zu der Brücke hinab, die über den Wallgraben durch einen langen Thorgang in das Schloßgebiet hineinführt.