Ich betrete den Hof.
Romantisches Gebiet!...
Hier gleich zur Linken befindet sich ein uralter Kellerraum, der jetzt von der Domäne als Milchkeller benutzt wird. Natürlich ist es hier nicht recht geheuer. Abends und um die Mittagszeit kommt es vor, daß es den Mägden die Kerzen auslöscht und daß die tugendvergessenen unter ihnen im Dunkeln von unsichtbarer Hand Ohrfeigen bekommen. Das ist das Mönchsgespenst, das dann gegen Mitternacht mit Vorliebe an der alten romanischen Kirche vorbei in das Kreisgerichtsgebäude eintritt und die Korridore der Gefangenen unsicher macht.
Ich steige die Freitreppe zu dem großen Portal — das Gebäude mag aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen — hinauf und trete ein. Im Vorflur begegnet mir der alte Gerichtsdiener Bärwinkel, der mir, „ganz gehorsamst“ mitteilt, daß der Herr Aktuar oben im Archiv zu finden seien... Drei endlose Wendeltreppen hinauf. Die Archivräume befinden sich dicht unter dem Dachboden.
Ich trete ein. — Helle, goldstaubwimmelnde Sonnenbalken stemmen sich schräg durch den Raum mit seinen mächtigen Wänden, alle vier voller Aktenfaszikel in Regalen von der Decke bis zu dem weißgrau gescheuerten Dielenboden. — Die vielen viereckigen Pappstückchen aus der bunten Rückenverklebung, mit ihren „Hinz contra Kunz“ und ihren Aktennummern aus den alten verstaubten Dingern hervor, bringen einige Unruhe in diesen öden Papierspeicher. — In der Mitte des Saales steht ein gewaltiger Tisch, und an ihm sitzt ein nervöses Schreiberlein im grauen Anzug, mit so einem richtigen blanken Sardellensemmelschädel, löst die Aktenpapiere aus ihren bunten Papprücken und schichtet sie in Stößen neben sich auf den Fußboden. — Ich biete ihm die Zeit und frage nach dem Herrn Aktuarius. — Der Herr sollen sich in das Nebenzimmer bemühen. —
Recte tu quidem! — Da steht er, mitten zwischen Aktenbündeln gleich am ersten Fenster, natürlich wieder hinter seiner Staffelei!...
Ah?!! — Der kleine untersetzte Herr mit seiner goldenen Brille, seinem rotrunden backenbärtigen Gesicht, die gestickte Sammetkappe auf den Locken, die lang und schwarz, aber schon ein wenig „meliert“ bis auf den Rückenteil der Weste fallen — denn natürlich arbeitet er wieder in Hemdärmeln — breitet die Arme aus und starrt — bist Du’s wirklich?! — in freudiger Überraschung auf den Besuch. — Schnell mit lachenden Stammelworten, eifrige Äuglein hinter den Brillengläsern, Palette und Pinsel auf das Fensterbrett und nun, die Hände lebhaft ausgestreckt, hervor, die meinigen mit temperamentvollem Druck ergreifend und sie auf das Wärmste schüttelnd, indes er mich in seiner Aktuarwürde und im Selbstbewußtsein seiner freien Seele wohlwollend erfreut mustert und mich mit seinem schönsten, sonorsten — er singt in der „Liedertafel“ einen sehr geschätzten Bariton — Tribünenpathos begrüßt...