Frau Haberland kennt meine Blumenliebhaberei, und so hat sie mir denn auch gleich nach meiner Ankunft einige Blumentöpfe ins Zimmer gestellt: eine schlanke Monatsrose, eine Fuchsia mit der Überfülle ihrer schlanken tiefroten Blütentropfen, ein Heliotrop und vor allen Dingen ein gewaltiges Geranium mit recht knallroten, bauernfröhlichen Blütendolden, daß es eine wahre Herrlichkeit ist.
Der Asch dieses Geraniums ist einigermaßen merkwürdig: nämlich in Bezug auf seine Farben. Zwar reichlich die Hälfte zeigt die natürliche rotgelbe Thonfärbung: die andere aber ist um so interessanter. Da muß wohl mal Farbe auf dem Topf gewesen sein. Freilich hat sich nur noch ein geringer Rest davon erhalten. Denn nicht nur, daß, wie bereits gesagt, die obere Hälfte des Topfes infolge irgend welcher Einflüsse seine Naturfarbe völlig wiederbekommen hat: auch von unten her ist die ehemals aufgetragene, ein lichtes Himmelblau, von Schimmel und feuchtem Schmutz verdrängt, der sich in die Poren des Asches hineingefressen. Das Weißgrau des Schimmels aber ist noch über das Schwarzgrau des Schmutzes, der in breiten Streifen rings um den Asch liegt und dem es allerlei Nüancen gegeben, hinausgedrungen, hat den Rest des schnurrig gezackten ursprünglichen Blau verschont und sich nur in ein paar matten Säumen, Tüpfelchen und Pünktchen um seine Ränder gelegt.
Ja, und nun mußt du frei sein von allem, was dir Sorgen und Gedanken macht und mußt das Auge haben, das nichts will und nichts sieht und doch etwas hat. Aber der bewußte Gedanke hat nichts durch das Auge. Es ist kein Gedanke vorhanden. — Ich las von den Roßhirten der Pußta. Stundenlang können sie, wenn sie feiern, hingenommen von der stummen Melancholie der weiten Ebene, auf demselben Flecke sitzen, in den hellen Mondnächten, ums Feuer herum. Sie rühren kaum ein Glied, sprechen kein Wort, sitzen nur so da in einer vollkommen animalischen Ruhe und sehen ins Ungewisse, gleichsam wie die Hasen mit offenen Augen schlafend. — So mußt du sein. Nicht starren dürfen deine Augen. Sie müssen ruhen, ruhen in einer seltsamen Müdigkeit. Aber dennoch bist du so sonderbar wach, und deine Sinne, scheinbar auf nichts gerichtet, sind einem Verborgenen offen, das sie irgendwie wahrnehmen...
Siehst du: jetzt bist du wieder ein kleiner Junge und sitzt auf dem Fensterbrett, und es ist so wunderbar schönes Wetter. Und du guckst nur immer, immer in die Höhe, in den schönen, tiefblauen Himmel hinein, in einen Himmel so tiefblau wie das wundervolle Briefpapier, auf dem dein Vater seine Geschäftskorrespondenzen zu erledigen pflegte. Und alle Deine Sinne sind nur ein einziges unsagbares Wohlgefallen an diesem Blau, an diesem tiefköstlichen Himmelblau...
Aber jetzt ist ja gar nicht mehr Tag: es ist eine Nacht im Süden. Nur ins Endlose dehnt sich noch dieser helle Himmel, und seine wenigen großen Sterne blitzen in so seltener fremder Pracht. Das ganze Land aber ist eine einzige weite Ebene, ganz von einem silberblauen Duft überwebt. Und ein fernes verhaltenes Rauschen der lichten Meeresbreiten.