Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen schwer an den dicken Stengeln nieder. — Dieses prächtige Gelb leuchten zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber entfaltet sich auf den Rabatten, die sich an den Buchsbaumeinfassungen der Kieswege hinziehen.
Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über die Hecke hier herüber verloren.
Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken. Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein Tuschkasten, und die liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.
Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde, lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte, zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres und die Zeit der Erfüllung ist da. — Sommerglück! — Heißes, jubelndes Sommersonnenglück! — Blüht, prangt, jauchzt in hundert und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig üppige Reife! — Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in dunklen Gewitterstürmen.
O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden, heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem freundlich-heitern, mild-müden Glanz! —
Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten zwischen bernsteingelbem Weinlaub.
Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotes Kristallgebilde. Auf dem Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. — Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte, selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig und ihrer Einheit ein Symbol...
Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof. Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken, von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt, die kreisrunde Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich ahne mehr, als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser Erinnerung komme. — Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte gefaßten Weisheiten von Urbeginn...