1. Incarnation.

Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen, jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. — Dieser Duft, dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. — Die Madame war so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und mein Pensum erledigte.

Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln und Rauschen der erschreckten Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er auf die Hunde schilt. Laban und Jakob, Joseph und David. — Oder man hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...


Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich, nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so: jedes gute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen ewigen und gleichen Text. — So will mir zum Beispiel auch keinerlei rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran. Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten, gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole verdichtet hat.

Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und ihren unverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! — Und um so fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole sich fassen läßt...


Ja, diese Propheten!

Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung, Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen, von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus, was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.

Man gewahrt ihr Pathos, in dem in ewig staunenswerter Mystik unterbewußte geheime Gedankenverknüpfungen und wohlverwahrte ewige Erfahrungen sich dichten, in dem sie mit ekstatischer Macht hervorbrechen; und nun will man das Geheimnis nicht erklären — man kann das in seinem letzten Grund Unerklärliche nicht erklären — man fühlt es und fühlend besitzt man, weiß man, mit einem geheimen, unmittelbaren, identischen Wissen. — Denn was heißt das, wenn ich mir etwa diese Gewaltigen und ihr Wirken zu einem Teil pathologisch erkläre? — Erkläre! — Was heißt das, wenn ich sage, Mohamed war ein Epileptiker? Wohl, aber wenn ich mir jene ehrfürchtigen Begriffe der Alten in ihrer schlichten und doch so tiefen und sinnreichen Bescheidenheit vergegenwärtige, etwa die Begriffe der Erwählung oder der Incarnation, so verstehe ich mit einem so mächtig konzentrischen Verständnis. —-