Incarnation! —

Es ist ein frischer Herbstvormittag. Ein gleißendes Sonnengold leuchtet über den Hügeln. Mit einer mächtigen Energie, in gewaltigen Linien, mit breiten Flächen, in gigantisch-majestätischen Wölbungen ballt sich, schiebt sich, schießt ein weißes Gewölk vom Horizont auf über das klare Blau. Luftströmungen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen und Sausen gehen durch die Feiertagsstille der Frühe. Innerlichst belebt und hingenommen von dem Rhythmus dieser gewaltigen Perioden mit der eindringlichen, schlichten und doch so mächtigen Energie ihres Gefüges, dieses Parallelismus membrorum althebräischer Poesie, wend’ ich überwältigt mein Gesicht von den Zeilen in die Höhe, und meine Sinne richten sich unter dem Zwang dieser Lektüre über das kunterbunte Kleinleben meiner Umgebung hinweg wie unter dem Einfluß einer heimlichen magischen Gewalt, die Gleiches dem Gleichen eint, unwillkürlich hinüber zu den weiten freien Linien des Berglandes, den gewaltigen des Gewölkes, zu diesem monotonen großen Akkord der bewegten Lüfte. — Der Sturm! „Du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin er geht, aber du hörest sein Sausen wohl.“ —

Und wie ich sehe und höre, unwillkürlich, hingenommen, ganz ein einziges, großes, gesteigertes Empfinden, in dem meine Nerven feiner und subtiler aufnehmen und reagieren, beleben und vertiefen sich so eigen meine Wahrnehmungen, und fast wie in einer undefinierbaren Raumdimension, die in irgend einem Punkt, in irgend einer Weise eine mystische Einheit ist von drinnen und draußen, — mein Persönlichkeitsbewußtsein ist in ihr halb entschlummert — regt es sich in einer unsagbaren Weise und flüstert einem Verständnis in mir, das versteht, ohne Worte zu hören. Und irgendwie ist Wolkengebilde, Windströmung, Berglinie, Farbe und Form, auf die mein dämmerndes Bewußtsein nicht achtet und die es doch hat, gleich und eins mit Blutwallung, Vibrieren des Nervenfluidums, Muskelbewegung und irgendwie Offenbarung und Mitteilung, Werden. — Und in einem stillen Zeugungsakt dieser geheimsten Bewegung, die irgendwie in unmeßbaren, millionenfachen Vibrationen flirrt, gebiert sich, ringt sich dunkel ein Wort los, ein Wort, ein Ur-Keim- und Kernwort, das sich zu entfalten beginnt, in Ideen- und Gedankenfolgen sich entfaltet zu einer ganzen Dichtung...

Incarnation! —


Und nun versteh’ ich aus dem Eigensten und vergegenwärtige mir und sehe.

Jene Großen gewahrten eine Not ihres Volkes, spürten sie wohl in eigensten und individuellsten Schicksalen. Sie bemächtigte sich ihrer schauenden reflektierenden Seele, und aus dem Getriebe des sie umgebenden Kleinlebens begaben sie sich wohl in die Einsamkeit der Wüste, die Stimme des Einen zu hören, und rangen in der zähen Willensenergie ihres Volkes nach dem Wort und Willen Jehovahs, rangen nach dem Urwort, das Licht bringt. Und sie gingen auf in Ihm, waren in ihren Ekstasen, in Fasten und Entbehrungen, in den Krämpfen ihres mächtig ringenden Willens eins mit Ihm; und Er war die große Natur in der gewaltigen Monotonie ihrer Öde, die sie umgab und auf sie wirkte, Er war die Schicksale ihres Volkes, die sich jenen äußeren Naturerscheinungen wieder innig verknüpften und eins ihrer differenzierteren Ergebnisse waren, Er war ihre individuellen Schicksale, Erlebnisse und Fähigkeiten, die wieder eins in jenen und eins im Einen und Gleichen, und Er war ihr Körper mit der Thätigkeit der Muskeln, Eingeweide, Nerven, seines mächtigen Gehirns, dieser Körper, dieses Gehirn ein Willens- und Kraftcentrum der Volksgemeinschaft, die sie erzeugt, und das alles in diesen Stunden Er in seiner einen und einzigen Einheit! Und in dieser Einheit, in ihnen, zeugte Er als in Sich, zeugte die Einheit das Wort, das fruchtbare Wort, das diesem Volk not that, schuf Er sie zu seinen Helden, Gewaltigen und Verkündern in Mose, Jeremia und wie sie alle hießen, verkörperte Er sich in ihnen zum Helfer und Ermahner seines Volkes...

Incarnation. —