Incarnation. —

Diese bestimmte jüdische Volksgenossenschaft; eine Gemeinschaft sie wieder von so und so viel Sondergenossenschaften, die sich gegen einander abgrenzen durch ganz bestimmte und besondere Interessen, bedingt durch die Verschiedenheiten der einzelnen Landschaften, durch den jeweiligen Charakter der Natur, der sie unter bestimmten Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdanken, durch Familien- und andere soziale Interessen. — In einer dieser Gemeinschaften, in der sich vielleicht offenbar oder geheim alle Interessenfäden der Gesamtgenossenschaft als in einem offenbaren oder geheimen Centrum am intimsten verknüpften, wurde in einer ganz bestimmten sozialen Lage einer dieser Erwählten geboren.

Wie wunderbar dieses Emportauchen eines derartigen Individuums! — Wie rätselhaft stellt es sich dar! — Vielleicht waren alle, die ihm zunächst standen, seine Eltern, seine Geschwister, Verwandte Menschen, die dem Leben einen entschiedenen praktischen Thätigkeitstrieb entgegensetzten, vielleicht als Ackerbauer. Ganz anders dieses Individuum! — Vielleicht ein schwächliches Kind, mit vorwiegend nervöser Disposition, vielleicht auch ohne eine solche beschaulichen Charakters, aber doch dieser stille, mit so mächtiger Energie nach innen raffende Wille. Still, wohl gar scheu er in seinem Gebahren, aber lebhaft sein Interesse jeder Erscheinung im Bereich seiner Umgebung zuwendend, und dann wieder das Wahrgenommene in sich verarbeitend, zurückgezogen von der Thätigkeit der Seinen, den Spielen und Zerstreuungen der Altersgenossen.

Und dieses Insichverarbeiten! — Dieses Versunkensein! Diese stille, so rastlose Thätigkeit des Gehirns! — Dieser sonderbare Assimilationsprozeß! — Zurückzuleiten auf physiologische, zu begreifen als physiologische, ja im letzten Grunde chemische Vorgänge und Prozesse, im letzten Grunde solche bedeutend und dennoch — denken!... Im Cirkel der lebhaften, den äußeren Dingen zugewandten, praktisch nach außen gerichteten Betriebsamkeit der Menschen seiner Umgebung, dieses Individuum wie ein stiller, stillhaltender, ruhender Punkt, in einer heimlichen, wie magnetischen Affinität mit den Lebensvorgängen ringsum, dieses Individuum mit seinem mystischen Erraffen! — Er, der Schwächste, Passivste vielleicht, der Stillste unter seinen Genossen, mit dieser mystischen Disposition innerlich ihrer der Lebendigste, mit seinem großen, geistigen Körper, mit diesem amorphen Körper heimlicher Blutströme, heimlicher Nervenvibrationen, deren zuströmende Energie das Gefüge seines sichtbaren individuellen Körpers erleidet, unter der er erschauert wie eine Sensitive, diese Energie, die dieses sichtbare, zarte und durch die Macht seiner Disposition doch so zähe Gefüge schüttelt, erbeben macht, durchkrampft, und doch die unerhörte Gewalt seines erraffenden, erprobenden Willens nicht zu vernichten vermag, so sehr sie’s erschüttert, bis dieser schwache Körper gestählt ist und in ihm sich aus den Seinen der Eine konzentriert und geboren hat, der ihnen notthut, Jehovah in ihm vermöge eines mystischen Zeugungsaktes sich incarniert hat: Er, zuvor der Schwächste, Unscheinbarste, wohl gar Mißachtete, wenn nicht Verspottete mit dieser Disposition die Seele, der stille Wächter seines Volkes. Er, die nach innen konzentrierte Energie der Seinen und sie in irgend einer mystischen Verknüpfung Seine nach außen gewandte Energie. —

Incarnation! —

Und ich gedenke im Sonntagsfrieden dieser Morgenstunde des biblischen Wortes: „Die Cherubim und Seraphim, seine Gewaltigen und Helden, die vor seinem Throne stehen“, und es bekommt einen so besonderen Sinn, und ich bedenke, wer Gott und seine Helden nicht aus der Welt geschafft, sondern ins Deutliche, Vertraute, Menschliche gerückt und offenbar geworden sind, thronend doch in einem Lichte, da niemand hinzukann...

2. Gethsemane.

Die Nacht brach an. Der Rabbi verließ das Haus, wo er mit den Zwölfen das Passahlamm gegessen nach dem Brauch und den Lobgesang gesungen.