Als er mit den Jüngern auf die Gasse trat, stand die helle Scheibe des Vollmonds groß und rund über Moriah und legte ihren weißen Schimmer auf die Tempelgebäude. Wie für eine Ewigkeit aufeinander gequadert dehnten sich die dunklen Steinmassen mit ihren gewaltigen Säulengängen in düster-heiliger Pracht, mit massiven Mauerkränzen und dem mystischen Flechtwerk ihrer Ornamente.

Der Rabbi verweilte in den Anblick verloren. Und dann wandten sich seine Blicke über die palmenüberragten Häuser des Tyropoion-Thales hinüber zum Berge Zion, wo sich mit steilem Mauerwerk das Massiv der alten Königsburg und der Palast des Vierfürsten erhob. Dort bereitete sich jetzt sein Endgeschick. Dort würde es sich in wenigen Tagen entscheiden. Und da drüben weilte jetzt der Jünger, der ihn verraten hatte, und wartete mit den Knechten des Hohenpriesters.

Nach Gethsemane! Dort würde ihn Judas zu finden hoffen. Dort wollte er sich ihnen überliefern.

Ein versonnenes müdes Lächeln um die Lippen, wandte er sich endlich und wanderte, Judas Ischarioth im Herzen, durch die stillen, mondträumenden Gassen der Bezetha und wandte sich hinab, wo der Weg in das stille Thal seines geliebten Kidron führte.

Schweigend wandelt er vor den Elfen her, die ihm in Gruppen folgen, mit zagen Meinungen die bedeutsamen Vorfälle erwägend, die sich soeben beim Mahl abgespielt haben: Simon Petrus und Andreas sein Bruder, Jacobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, alle Fischer vom See Genezareth, Philippus, Bartholomäus, Matthäus der Zöllner, Jacobus, Lebbäus, Thomas und Simon von Kana, der Zelot.

Gesenkten Hauptes schreitet Jesus vor ihnen her in seinem langen, glatten Gewand. Lässig und müde hängt die Linke mit dem Hut hernieder, und die hagre, feine Rechte streicht den dunklen Kinnbart. Ihm zur Seite schreitet scheu der Jünger, den er lieb hat. In stiller ratloser Teilnahme hängen seine Blicke an dem geliebten Meister, denn Jesus hat zu ihnen von seiner Gefangennahme und seinem nahebevorstehenden Tod gesprochen. Wenn das Passah vorüber ist, und die Volksmengen die Stadt geräumt haben, werden sie ihm das Gericht machen.

Das ist nicht mehr sein gewaltiger Rabbi aus Isais altem Königsstamm, der herrlich die Bergrede gehalten oben im galiläischen Land, als ihm die Völker zugeströmt waren aus Syrien, aus Galiläa und den zehn Städten, aus Juda und von jenseits des Jordan. — Eine tiefe Furche gräbt sich ihm in die breite braune Stirn, von der die Haare, die ihm neulich erst das Weib von Bethanien gesalbt, lang und schlicht auf die hageren Schultern fallen. Die tiefen Augen verfolgen starr und trübe verborgene Gedanken, die kein Ahnen streift, und zwei tiefe Falten graben sich von den Wangen herab.

„Herr, das widerfahre dir nur nicht!“

Leise, mit innerlichst verzagendem Herzen, hat es Johannes endlich über die Lippen gebracht, aber der Rabbi hat es nicht gehört. Einsam und verschlossen wandert er mit seinen geheimsten Gedanken, die je und je nur Er kannte, neben dem Jünger her. Nichts von der süßen Milde ist in diesem Gesicht, die ihnen sonst die Herzen warm machte zu dem geliebten Meister hin.