Die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten.

Auch in neuerer Zeit gibt es eine christliche Gemeinschaft, die im Jahre 1830 in Amerika ihren Anfang nahm, die Mormonen, welche die Taufe für die Toten ausüben und diese Handlung irrtümlicherweise durch die fragliche Stelle 1. Kor. 15, 29 rechtfertigen.[302]

Aber nicht nur, daß man Lebende an Stelle der Verstorbenen taufte, sondern die Verirrungen gingen so weit, daß leichtgläubige Priester sogar Tote selbst tauften und ihnen das Abendmahl spendeten, da man, wie Leutwein bemerkt, der Meinung war, daß die Taufe Unsterblichkeit bewirke.[303] Daß dies schon im 4. Jahrh. an manchen Orten dem kirchlichen Aberglauben nicht fern geblieben war, ergeht aus einer Äußerung des Gregor von Nazianz (gest. 390).[304] Auch Philastirus berichtet, daß die Kataphrygier und Montanisten die Toten taufen.[305] Ebenso bestätigt dies das Verbot der Synode zu Hippo im Jahre 393, wo beschlossen wurde, Kanon 4: „Den Leichnamen Verstorbener soll die Eucharistie nicht gegeben und die Taufe nicht erteilt werden.“[306] Das III. Konzil zu Karthago im Jahre 397, Kanon 5, erließ ein gleiches Verbot.

Ist außer dem Glauben auch noch die Taufe zur Seligkeit notwendig?

Hat einerseits die Kirche des Altertums sowie auch die spätere der Taufe allerlei magische Wunderkraft zugeschrieben und damit den lächerlichsten Aberglauben verbunden, so gab es auch solche, welche die Taufe für gänzlich überflüssig hielten und behaupteten, daß der Glaube zur Seligkeit völlig hinreiche. Diese letzte Meinung gab auch Tertullian die Veranlassung, seine Abhandlung „Über die Taufe“ gegen eine Frau namens Quintilla aus der häretischen Partei des Cajus zu schreiben. Tertullian hält die Taufe für eine „Besiegelung“ oder „als äußere Hülle für den Glauben“. Aus Joh. 3, 5 in Verbindung mit Matth. 28, 19 leitete er die Notwendigkeit der Taufe zur Seligkeit ab.[307] In der Geschichte des Mittelalters findet man ebenfalls des öfteren die Idee vertreten, daß, wo ein tiefer und reiner Gottesglauben vorhanden ist, die Taufe überflüssig sei.

Im Reformationszeitalter traten Männer auf, die dieselbe Meinung hatten. So verwarf Schwenckfeld (gest. 1561) die Wassertaufe und lehrte, „daß die Menschen nur durch den Glauben und nicht durch die Taufe selig würden“.[308]