Den Reformatoren des 16. und 17. Jahrh. haben wir es allein zu verdanken, daß sie das Althergebrachte umstürzten und mit den unbiblischen Gewohnheiten und Sitten der Kirchenlehrer des Mittelalters aufräumten.
Die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten.
Schon recht früh findet sich die merkwürdige Sitte vor, daß sich Lebende in Stellvertretung für ungetauft Verstorbene taufen ließen. Daß schon zur Zeit des Apostels Paulus dieser seltsame Gebrauch vorhanden war, geht klar aus 1. Kor. 15, 29 hervor, wo er ihn zu seiner Beweisführung für die Auferstehung der Toten benutzt, indem er schreibt: „Was machen sonst die, welche um der Toten willen sich taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen sie sich um derselben willen taufen?“[293] Stehen die Toten nicht auf, warum dann noch etwas zugunsten derselben vornehmen! Es ist ja mit dem Tode alles vorüber, alles aus. Eine solche Handlung ist dann unnütz. Dies wäre der richtige Sinn dieses Verses.
Da der Apostel diesen Mißbrauch nicht tadelt, bringen einige Gelehrte die irrige Meinung zum Ausdruck, daß sich diese Sitte in der Gemeinde zu Korinth gebildet hätte und so nach und nach allgemein als eine christliche Handlung angesehen worden wäre.[294] Wie man zu einer solchen Annahme kommen kann, ist für uns unbegreiflich. Erstens haben wir für eine solche Taufe keinen Befehl und auch keine Verheißung in der Schrift. Wie Gott von einem Menschen, der seinen Willen weiß, einen persönlichen Glauben fordert, ebenso verlangt er auch eine persönliche Taufe, denn es steht geschrieben: „Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen.“[295] Zweitens liegt im Text selbst der unumstößliche Beweis dafür vor, daß ein Gebrauch dieser Art nicht in der Gemeinde Gottes, sondern außerhalb derselben ausgeübt wurde. Man achte bitte auf die Fürwörter, die der Apostel im Laufe seiner Argumentation über die Auferstehung des Leibes gebraucht. „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfunden falsche Zeugen Gottes... Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die elendesten Menschen... Was machen sonst die, welche um der Toten willen sich taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen sie sich um derselben willen taufen?“[296] Während Paulus hier, wenn er von der Gemeinde redet, die Fürwörter „wir“, „unser“, „euer“, „ihr“ gebraucht, benutzt er im 29. Vers die dritte Person „die“, „sie“. Wenn nun die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten in der Gemeinde geübt worden wäre, wie ja viele behaupten wollen, so müßte der Wortlaut des 29. Verses unbedingt folgender sein: Was machen sonst wir, die wir uns für die Toten taufen lassen? Wenn Tote doch nicht auferstehen, warum lassen wir uns dann noch taufen für sie? Aber es heißt: „Was machen sonst die, welche um der Toten willen sich taufen lassen.... Warum lassen sie sich um derselben willen taufen?“
Die Tatsache ist also die, daß es schon im apostolischen Zeitalter Leute gab, die sich zugunsten der Verstorbenen taufen ließen, welche aber die Auferstehung der Toten leugneten. Dr. Bernhard Weiß bemerkt zu dieser Stelle: „Zum Abschluß macht Paulus einige praktische Anwendungen von seiner Erörterung. Es muß auch bei denen, welche eine Auferstehung leugneten, vorgekommen sein, daß man sich zum Besten ungetauft verstorbener Angehöriger taufen ließ in der Hoffnung, daß diese Taufe ihnen zugute kommen, den Mangel ihrer Taufe ersetzen werde. Der Apostel enthält sich jedes Urteils über diesen abergläubischen Gebrauch, der doch jedenfalls von wärmster Fürsorge für das Heil geliebter Verstorbener zeugte. Ihm kommt es nur darauf an zu zeigen, wie die Auferstehungsleugnung die heiligsten christlichen Gefühle verletze, da ja, wenn Tote überhaupt nicht auferstehen, man auch nichts mehr zu ihrem Besten tun kann.“[297]
Die Sitte der stellvertretenden Taufe verpflanzte sich auch in die nachapostolische Zeit und hat sich bei mehreren häretischen Sekten und Parteien, besonders aber bei den Marcioniten noch Jahrhunderte hindurch erhalten. Tertullian weist in seiner Schrift „Über die Auferstehung des Fleisches“, Kap. 48, auf sie hin, und in seinem Buch gegen Marcion erklärt er diesen Gebrauch als eine Nachahmung der bei den heidnischen Römern im Februar üblichen Totenopfer.[298] Bischof Epiphanius (gest. 403) berichtet in seinem Brief „Wider die Ketzereien“ von den Kerinthianern, einer Sekte, die im letzten Viertel des apostolischen Zeitalters durch Kerinth ihren Anfang nahm.[299] „Wir sind auch berichtet, daß einige derselben [Kerinthianer] ohne Taufe gestorben seien, andere aber sich für sie auf ihren Namen taufen lassen, damit sie nicht einst bei der Auferstehung über der nicht empfangenen Taufe gestraft werden und unter die Gewalt des Weltschöpfers kommen. Dahin erklären wenigstens einige die Taufe über den Toten, wovon der Apostel in dem angezogenen Kapitel (1. Kor. 15) geredet hat.“[300]
Interessant ist der Vorgang bei dieser Vikariatstaufe. Chrysostomus (gest. 407) schildert ihn, indem er von den Marcioniten berichtet, mit folgenden Worten: „Ist bei ihnen ein Katechumen gestorben, so verstecken sie einen Lebenden unter dem Bette des Verblichenen; dann treten sie vor den Toten, reden ihn an und fragen ihn, ob er getauft werden wolle. Da nun dieser nicht antwortet, so spricht der unter dem Bette Versteckte, daß er getauft werden wolle; und so taufen sie diesen anstatt des Verblichenen und treiben damit Komödie.“[301]