Die Entstehung und Geschichte der Kindertaufe.

Die Schreiber des N. Testaments wissen, wie wir im Laufe unserer Untersuchung klar nachgewiesen haben, nichts von einer Kindertaufe. Wir gehen nun zu den Kirchenvätern und Apologeten der nachapostolischen Zeit, und wir werden in ihren Schriften bald finden, wann die Kindertaufe ihren Anfang nahm. Die Vertreter der Kindertaufe sind natürlich auch hier bemüht, so früh als möglich Zeugnisse für die Aufrechterhaltung ihrer Theorie zu finden. Sie schnitzen aus jeglichem Holz Pfeile für ihre Sache. So will man z. B. schon aus einer Äußerung Justins des Märtyrers (gest. 166) einen Beweis für das Vorhandensein der Kindertaufe gefunden haben.[386] Die Worte Justins lauten: „Es sind gar viele, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, die von Kindheit auf in der Lehre Christi unterwiesen worden, verblieben mit ihren sechzig, siebzig Jahren noch unversehrt, und rühmend gelobe ich, unter jedem Stande solche aufzuweisen.“[387] Wie wenig diese Worte Justins mit der Kindertaufe zu tun haben, soll uns vorsichtshalber Dr. Steitz sagen: „Justins Erwähnung solcher, welche von Kindheit auf Christi Jünger geworden seien, bezeugt nur, daß man schon Kinder im Christentum unterwies; sie verbürgt daher schon das Bestehen des Katechumenats, nicht aber der Kindertaufe.“[388] Aber Justin selbst gibt uns in seiner ersten Apologie, in der er eine ausführliche Beschreibung von den gottesdienstlichen Handlungen der Christen liefert, den unwiderlegbaren Beweis dafür, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch kein kirchlicher Brauch war. Er schreibt nämlich: „Alle jene, die zur Überzeugung gekommen sind und glauben, daß das wahr ist, was von uns gelehrt und gesagt wird, und die angeloben, daß sie es vermögen, so zu leben, werden angeleitet zu beten und unter Fasten von Gott die Vergebung ihrer vorhin begangenen Sünden zu erflehen; dabei beten und fasten wir mit ihnen. Hierauf werden sie von uns hingeführt, wo Wasser ist und werden in jener Art und Weise wiedergeboren, wie auch wir selbst wiedergeboren worden sind.“[389] Nach Justins eigener Erklärung wurden also nur solche getauft, die da „glaubten“ und die aus „eigener Überzeugung“ die Lehre des Evangeliums annahmen und versprachen, ein demselben gemäßes Leben zu führen. Bei einem Kinde aber, bei dem jede persönliche Willensbeteiligung fehlt, kann dies doch nicht der Fall sein. Semisch, der Biograph Justins, sagt mit Recht: „So oft Justin der Taufe gedenkt, erscheinen Erwachsene als Objekte, an welchen die heilige Handlung vollzogen wird. Eine Kindertaufe kennt er noch nicht. Die Spuren von derselben, welche man in seinen Schriften zu entdecken geglaubt hat, sind grundlos geträumte, künstlich erzeugte.“[390]

Irenäus, Bischof zu Lyon (gest. 202), wird von vielen als Zeuge für das Vorhandensein der Kindertaufe in seinen Tagen angeführt. Der Ausspruch des Irenäus, dem man dies entnehmen will, lautet: „Er kam, alle durch sich selbst zu erlösen, alle, welche durch ihn, in Beziehung auf Gott, wiedergeboren werden: die ganz unmündigen Kinder, die Kleinen, die Knaben, die Jünglinge und die Bejahrteren. Deshalb ging er jedes Alter durch, und er wurde den Kindern ein Kind, die Kinder heiligend, unter den Kleinen ein Kleiner, die in diesem Alter sich Befindenden heiligend, und zugleich wurde er ihnen ein Beispiel der Frömmigkeit, des Rechttuns und des Gehorsams, unter den Jünglingen ein Jüngling, indem er ihnen ein Beispiel wurde und sie dem Herrn heiligte.“[391]

Wie man nun in diesen Worten Irenäus’ etwas zugunsten der Kindertaufe finden will, ist nicht zu ersehen. Denn es findet sich hier ja auch nicht die leiseste Hindeutung auf eine Kindertaufe. Irenäus sagt doch nicht, daß Christus gekommen sei, alle durch die Taufe zu erlösen, auch nicht, daß die unmündigen Kinder durch die Taufe wiedergeboren werden, sondern er sagt: Christus kam, um die Kleinen wie auch die Großen durch sich selbst zu erlösen, alle sollen durch ihn zu Gott wiedergeboren werden. Er ging jedes Lebensalter durch, um jedem ein Beispiel der Frömmigkeit und des Gehorsams zu sein. Er ist der, der in allen Lagen unseres Lebens mit uns Menschenkindern mitfühlen kann, „denn darinnen er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden“.[392] Übrigens bringt Irenäus diesen Gedanken in mehreren anderen Stellen seiner Schriften zum Ausdruck. So sagt er zum Beispiel: „Unser Herr brachte den Menschen wieder in Verbindung mit Gott durch seine Menschwerdung.“ Ferner schreibt er: „Indem der Sohn Gottes ein Mensch unter Menschen wurde, hat er das Menschengeschlecht von neuem geschaffen. Wie können wir an der Kindschaft teilhaben, außer wenn wir durch den Sohn die Gemeinschaft mit Gott wiederempfangen — wenn sein Wort, das Fleisch geworden, diese Gemeinschaft uns mitteilt? Daher ging er auch durch jedes Lebensalter, alle zur Gemeinschaft Gottes zurückzuführen.“[393] Münscher macht zu dem zuerst angeführten Ausspruch des Irenäus folgende berechtigte Bemerkung, der wir nur beipflichten können, denn sie ist auf Grund der Sprache des Kirchenvaters allein zulässig: „Aus der Stelle ist sichtbar, daß Irenäus von solchen Kindern redet, die schon Beispiele der Frömmigkeit erkennen und benutzen können.“[394] Und der schweizerische Theologe Hagenbach schreibt: „Die früheste patristische Stelle des Irenäus (adv. haer. II. 22) ist nicht absolut beweisend [für die Kindertaufe], sie drückt bloß die schöne Idee aus, daß Jesus auf jeder Altersstufe für jede Altersstufe Erlöser gewesen; daß er es aber für die Kinder durch das Taufwasser geworden, sagt sie nicht.“[395]

Die Idee, auch kleine Kinder zu taufen, kam erst zur Zeit Tertullians (gest. 230) auf. Er ist auch der erste, der ausdrücklich die Kindertaufe erwähnt, sie aber auch entschieden als eine Neuerung bekämpft. Er führt darüber aus: „Mögen die Kinder kommen, wenn sie herangewachsen sind; sie sollen auch kommen, wenn sie gelernt haben, wenn sie darüber belehrt sind, wohin sie gehen sollen; sie mögen Christen werden, sobald sie imstande sind, Christum zu kennen. Aus welchem Grunde hat das Alter der Unschuld es so eilig mit der Nachlassung der Sünden? Will man etwa in zeitlichen Dingen mit mehr Vorsicht verfahren und die göttlichen Güter einem anvertrauen, dem man irdische noch nicht anvertraut? Sie mögen lernen, um ihr Seelenheil bitten, damit es den Anschein gewinne, daß man nur einem Bittenden gegeben habe.“[396]

In diesen Worten Tertullians muß für jedermann ein unwiderlegbarer Beweis dafür liegen, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch nicht als apostolische Sitte galt, denn sonst hätte er es nie gewagt, sie so kühn und scharf zu bekämpfen. Dies müssen selbst Verteidiger der Kindertaufe zugeben. So schreibt z. B. Neander: „In den späteren Jahren des 2. Jahrh. erscheint Tertullian als eifriger Gegner der Kindertaufe, ein Beweis, daß dieselbe damals noch nicht als apostolische Einsetzung angesehen zu werden pflegte, denn sonst würde er schwerlich gewagt haben, so stark dagegen zu reden.“[397] Dasselbe Zugeständnis macht auch Ruperti.[398] Und Benema sagt: „Tertullian rät ab von der Kindertaufe, welches er nicht würde getan haben, wenn es eine Überlieferung und ein herrschender Gebrauch der Kirche gewesen wäre, indem er sehr an Überlieferung hing; auch würde er, wäre es eine solche gewesen, nicht ermangelt haben, dies zu erwähnen. Daher schließe ich,“ fügt er hinzu, „daß der Gebrauch der Kindertaufe vor den Zeiten Tertullians nicht erwiesen werden kann, und daß es Personen zu seiner Zeit gab, die ihre Kinder getauft zu sehen wünschten, welcher Meinung Tertullian sich widersetzte.“[399]

Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß es zur Zeit Tertullians solche gab, welche die Notwendigkeit der Kindertaufe in der Theorie aufrechthielten; es kam aber nicht dahin, sie auch wirklich in der Praxis auszuüben. Dieser Meinung ist auch Neander.[400]

Bald aber, nachdem die warnende Stimme Tertullians in der Christenheit verhallt war, blieb die Idee der Kindertaufe nicht mehr lange eine theoretische Frage sondern bürgerte sich immer mehr ein, und man sprach bald von ihr als von einer kirchlichen Observanz, die in göttlicher Institution und apostolischer Tradition ihren Grund habe. Dies war z. B. in der Mitte des 3. Jahrh. in den Tagen Cyprians schon in der nordafrikanischen sowie auch in der alexandrinischen Kirche der Fall.