Was nun der eigentliche Grund zur Einführung der Kindertaufe war, entnehmen wir den Schriften des Cyprian und Origenes. Ersterer ist der Ansicht, daß die neugeborenen Kinder durch die fleischliche Abkunft von Adam die Ansteckung des Todes mit auf die Welt gebracht haben. Letzterer sieht in der Geburt überhaupt schon etwas Befleckendes, und beide sind der Meinung, daß diese Befleckung allein durch die Taufe hinweggenommen werden könnte.[401] Ja man sprach in vollem Ernst davon, daß „Kinder, die da ungetauft sterben, können nicht ins Himmelreich kommen“.[402] Man gab sich eben dem abergläubischen Wahne hin, daß die Taufe den Menschen von jeglicher anklebenden Sündenschuld befreie und von den drohenden ewigen Strafen errette. Neander schreibt dazu noch: „Indem die Idee von den magischen Wirkungen der Sakramente immer mehr Einfluß erhielt, entwickelte sich daraus die Theorie von der unbedingten Notwendigkeit der Kindertaufe. Um die Mitte des 3. Jahrh. war dies in der nordafrikanischen Kirche schon allgemein angenommen.“[403] Und der gelehrte Geschichtschreiber und Kritiker Claudius Salmasius führt aus: „Es herrschte die Meinung, daß keiner selig werden könne, der nicht getauft wäre; daher entstand dann der Gebrauch der Kindertaufe.“[404]
Es ist unzweifelhaft gewiß, daß uns das erste sichere Zeugnis über das Vorhandensein der Kindertaufe in der christlichen Kirche Cyprian gibt, also in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. Zu seiner Zeit handelte es sich nicht mehr darum, ob Kinder christlicher Eltern getauft werden dürfen und sollen, — damit war man einverstanden — sondern es war nur noch die Frage, ob sie bald nach der Geburt oder erst acht Tage nach derselben, dem Vorbilde der Beschneidung gemäß, getauft werden sollten. Das letztere war die Meinung des Bischofs Fidus, welcher dem Konzil zu Karthago im Jahre 252 eine Frage darüber vorlegte. Cyprian antwortete darauf im Namen der bei diesem Konzil versammelten 66 Bischöfe. „Seine Antwort zeigt uns,“ schreibt Neander, „wie er voll war von jener oben entwickelten großen christlichen, der Kindertaufe zu Grunde liegenden Idee, wie er aber durch jenen Geist der Veräußerlichung manches Irrtümliche damit zu vermischen sich verleiten ließ.“[405] Cyprian erklärt sich gegen die willkürliche Grenzbestimmung des Fidus, indem er sagt: „Keiner von uns konnte mit deiner Meinung übereinstimmen; wir alle urteilen vielmehr, daß keinem Menschen, sobald er geboren worden, die Barmherzigkeit und Gnade Gottes versagt werden müsse; denn da der Herr in seinem Evangelium sagt: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten“, (Luk. 9, 56) so muß, soviel an uns ist, womöglich keine Seele verloren gehen.“ „Was du gesagt hast, daß die Berührung des Kindes in den ersten Tagen seiner Geburt nicht rein sei, und daß jeder von uns sich noch scheue, ein solches zu küssen, auch dieses darf, wie wir meinen, kein Hindernis sein für die Verleihung der himmlischen Gnade, denn es ist geschrieben: „Alles ist dem Reinen rein;“ und keiner von uns darf einen Ekel haben vor dem, was Gott zu schaffen gewürdigt hat. Wenn auch das Kind eben geboren ist, so ist es doch nicht so, daß jemand einen Ekel haben dürfte, es bei der Erteilung der Gnade und der Erteilung des Friedensgrußes (der Bruderkuß, der als Zeichen der Gemeinschaft des Friedens im Herrn den Neugetauften erteilt wurde) zu küssen.“ „Wenn übrigens etwas die Menschen an der Erlangung der Gnade hindern könnte, so könnten vielmehr die Erwachsenen durch die schweren Sünden gehindert werden. Wenn aber auch den schwersten Sündern, welche vorher viel gegen Gott gesündigt haben, nachdem sie zum Glauben gelangt sind, die Vergebung der Sünden verliehen und von der Taufe und der Gnade keiner zurückgehalten wird, um wieviel mehr darf das Kind nicht zurückgehalten werden, welches, neugeboren, nicht gesündigt, sondern durch die fleischliche Abkunft von Adam die Ansteckung des alten Todes mitgebracht hat, welches desto leichter zur Erlangung der Sündenvergebung kommt, weil ihm nicht eigene, sondern fremde Sünden vergeben werden?“[406]
Origenes, der große Kirchenlehrer von Alexandrien, ein Zeitgenosse Cyprians, spricht mehrmals von der Kindertaufe als einer kirchlichen und von den Aposteln her überlieferten Sitte. Es sind drei Stellen bei Origenes, die ausdrücklich vom Vorhandensein und der Berechtigung der Kindertaufe handeln. Wir setzen dieselben hierher, und zwar in der Übersetzung von Pfarrer Stöber.[407] Die Aussprüche des Origenes lauten: „Gemäß der kirchlichen Regel wird auch den Kindlein die Taufe gespendet.“[408] „Niemand ist rein von Befleckung, sei auch sein Leben auf Erden nur eines einzigen Tages lang. Und weil durch das Taufsakrament die angeborene Beflecktheit abgewaschen wird, darum werden auch die Kindlein getauft.“[409] Und endlich kommt Origenes zu der kühnen Behauptung: „Von den Aposteln her hat die Kirche die Überlieferung empfangen, daß auch den Kindlein die Taufe zu spenden sei.“[410]
Wie nun diese willkürliche und unberechtigte Behauptung dieses Kirchenvaters aufzunehmen ist, soll uns Neander sagen: „Origenes, in dessen System die Kindertaufe sehr gut Platz fand, erklärt sie für apostolische Überlieferung, welche Aussage übrigens in diesem Zeitalter nicht viel bedeuten kann, da man so sehr geneigt war, Einrichtungen, die man für besonders wichtig hielt, von den Aposteln abzuleiten, und da schon so manche, den freien Blick hemmende Scheidewand zwischen diesem und dem apostolischen Zeitalter in der Mitte stand.“[411] Ebenso Münscher: „Die Versicherung des Origenes, daß die Kindertaufe von der apostolischen Tradition herrühre, möchte ich eben nicht für ein historisch gültiges Zeugnis ansehen. Denn es war damals gar zu gewöhnlich, daß jede Kirche ihre Einrichtungen auf die Apostel zurückführte, um sie dadurch zu bestätigen und ehrwürdiger zu machen.“[412] Und Dr. Riehm führt aus: „Daß die schon von Origenes auf apostolische Tradition zurückgeführte Kindertaufe wirklich in der apostolischen Zeit üblich war oder wenigstens vorgekommen ist, läßt sich aus dem N. Testament nicht beweisen.“[413]
Daß die Säuglingstaufe nicht vor der Mitte des 3. Jahrh. eingeführt wurde, bezeugt auch Hippolytus, der um diese Zeit schreibt: „Wir haben nie die Taufe von Kindern verteidigt, welche erst in einigen Gegenden anfing, angewandt zu werden.“[414]
Curcellaeus, ein berühmter Theologe und Professor zu Genf, sagt: „Der Gebrauch der Kindertaufe begann nicht vor dem 3. Jahrh. nach Christo. In den früheren Jahrhunderten ist keine Spur davon zu finden, — und sie ward ohne den Befehl Christi eingeführt.“[415] Auch Bunsen, einer der größten Gelehrten der Neuzeit, bezeugt: „Die Kindertaufe im Sinne der neueren Zeit, nämlich die Taufe neugeborener Kinder mit stellvertretenden Gelübden von Eltern und andern Taufzeugen, war unter den Christengemeinden der ersten Zeit etwas völlig Unbekanntes, nicht nur bis zu Ende des 2. sondern in der Tat bis in die Mitte des 3. Jahrh.“[416] Und die „Kirchengeschichte des christlichen Vereins im nordischen Deutschland“ gibt zu, daß „Christus die Kindertaufe nicht eingesetzt habe“, und macht das Zugeständnis, daß dieselbe nur eine von „Menschen erfundene Zeremonie“ sei.[417] Wir haben nun eine ganze Kette von historischen Zeugnissen, durch die wir unwiderlegbar nachgewiesen haben, daß die Kindertaufe erst zur Zeit, als Cyprian in Karthago das Episkopat innehatte, eingeführt wurde. Die Kindertaufe hat somit, wie fast alle kirchlichen Neuerungen und Irrtümer, Afrika als Heimat.
Überschreiten wir das 3. Jahrh., so finden wir, daß die Kindertaufe schon eine ziemlich weit verbreitete Sitte war, doch forderten manche Kirchenväter ein bestimmtes Alter. So will Gregorius v. Nazianz in den Fällen, wo keine dringende Gefahr vorhanden ist, ein etwa dreijähriges Alter der Kinder abgewartet wissen, damit „sie“, wie er sagt, „etwas bei der Taufe fühlen und antworten können, wenn sie es auch nicht vollkommen verstehen“.[418]
Der ununterbrochene Streit aber und die Verhandlungen vieler Synoden über diesen Punkt beweisen, daß es an Saumseligkeit, ja sogar an heftigem Widerspruch gegen diesen Brauch nicht fehlte. Als gegnerische Parteien wären hier zu erwähnen die Pelagianer, die Bongomilen, die Arnoldisten sowie die Petrobrusianer und die sich ihnen anschließenden Henricianer in Südfrankreich und Oberitalien.[419] Gegen die ersteren schreibt z. B. die Generalsynode zu Karthago im Jahre 418, auf der nicht weniger als 200 Bischöfe aus allen Teilen Afrikas und Spaniens zugegen waren, Kanon 2: „Wer sagt, die neugeborenen Kinder brauche man nicht zu taufen...., der sei Anathema.“[420] Dasselbe wurde ein Jahr später am 25. Mai, ebenfalls in Karthago, auf einem Konzil wiederholt.[421] Die Bongomilen vom 10. bis 12. Jahrh., die sich unter der allgemeinen Verwirrung dieses Jahrhunderts aus Griechenland nach Italien, Südfrankreich, den Niederlanden, nach Deutschland, Österreich und anderen Ländern verbreiteten, behaupteten: „Die Kindertaufe sei unnütz, weil die Kinder keines Glaubens, keines Vorsatzes der Besserung, keiner Aufnahme des hl. Geistes fähig seien, daher sich auch keine Wirkung davon im Leben der Menschen offenbare.“[422] Die Arnoldisten drangen „auf wahrhafte Sinnesänderung, behaupteten, daß die bloß äußerliche Taufe an und für sich dem Menschen unnütz sei, wenn nicht damit verbunden wäre die allein wesentliche Taufe des hl. Geistes, welche die wahrhaft gläubige Seele vom Bösen reinige und heilige.“[423] Von Peter von Bruys, der im 12. Jahrh. in Südfrankreich als Priester wirkte, schreibt Schröckh: „Er behauptete zuerst, daß Kinder, welche den Gebrauch ihres Verstandes noch nicht hätten, durch die Taufe nicht selig werden könnten; daß ihnen auch ein fremder Glaube nichts helfe, weil der Erlöser von denen eigenen Glauben gefordert habe, welche getauft und selig werden sollten.“[424] Peter von Bruys will nicht den ungetauften Kindern die Seligkeit absprechen, sondern er will beweisen, daß dem Evangelium gemäß nur Erwachsene, die glauben, getauft werden sollten. Neander schreibt von ihm: „Peter von Bruys wollte eine christliche Taufe nur dann anerkennen, wo das dazu notwendige Erfordernis des Glaubens vorhanden war. Er betrachtete daher die Kindertaufe als eine nichtige, und alle, welche in die von ihm gestiftete Gemeinschaft eintreten wollten, mußten sich von neuem durch die Taufe darin aufnehmen lassen. Die Wassertaufe könne, so lehrte er, wo kein Glaube vorhanden sei, nur den Leib, nicht die Seele reinigen. Wenn seine Anhänger von ihren Gegnern Wiedertäufer genannt wurden, so glaubten sie diesen Namen mit Recht zurückweisen zu können, da von einer Wiederholung der Taufe nicht die Rede sein könne, wo keine wahre Taufe vorhergegangen sei. Wir, sagten sie, erwarten die rechte Zeit für den Glauben, und wenn der Mensch bereit ist, seinen Gott zu erkennen und an ihn zu glauben, so vollziehen wir an einem solchen nicht, wie ihr uns beschuldigt, eine Wiedertaufe, sondern wir taufen ihn, weil er noch nicht mit der Taufe, durch die man von Sünden gereinigt wird, getauft worden ist.“[425]