Es ist noch beachtenswert, daß, trotzdem in der herrschenden Kirche die Kindertaufe allgemein gebilligt und ausgeübt wurde, sich doch Beispiele dafür vorfinden, daß noch Jahrhunderte nach Entstehen der Kindertaufe fromme Eltern, ja sogar Bischöfe ihre Kinder im reiferen Alter erst taufen ließen. Dr. Rietschel schreibt darüber: „Gregor von Nazianz und Basilius wurden erst nach Vollendung ihrer weltlichen Bildung getauft, obgleich jener Sohn eines Bischofs, dieser Sohn frommer Eltern war. Auch Chrysostomus und Hieronymus, die aus christlicher Familie stammten, wurden als Erwachsene getauft. Ambrosius und Nektarius empfingen erst nach ihrer Wahl zum Bischof die Taufe. Als Augustin in seiner Jugend todkrank wurde, ließ ihn seine Mutter Monica nicht taufen, sondern ihm nur die Katechumenatsweihe geben.“[426] Augustin erwähnt dies in seinem ersten Buch, Kap. 11.

Im Mittelalter findet man kirchliche Verordnungen vor, woraus zu ersehen ist, daß Eltern bei Unterlassung der Kindertaufe streng bestraft wurden. Eine englische Synode von 691 (oder 692) Kanon 2, schreibt z. B. vor: „Ein Kind muß innerhalb dreißig Tagen nach seiner Geburt bei Strafe von 30 Solidi getauft werden. Stirbt es (nach 30 Tagen) ungetauft, so wird es gesühnt mit dem ganzen Vermögen der Eltern.“[427] Und die Synode von Paderborn 785 beschließt, Kanon 19: „Jeder muß sein Kind innerhalb eines Jahres taufen lassen, bei Strafe.“[428] Namentlich werden auch die Priester dafür verantwortlich gemacht, daß keine Kinder ungetauft sterben.[429]

Hat man im Altertum nur geborene Menschen getauft, so finden sich seit dem 13. Jahrh. auch Spuren dafür vor, daß man bei vorhandener Lebensgefahr die Kinder im Mutterleibe taufte. Einige Kirchenlehrer wie Augustin und auch Thomas von Aquino erklärten sich gegen diese Sitte. Luther sprach sich mit Ernst dagegen aus, Kinder eher zu taufen, als bis sie vollständig geboren sind.[430] Die Art und Weise, wie diese Taufe vor sich ging, zu beschreiben, sind wir an dieser Stelle, da diese Dinge schon in das Bereich des allzu Menschlichen gehören, und derartige Beschreibungen ihren Zweck auch viel besser in der „Moraltheologie“ Roms erfüllen, genötigt, mit Stillschweigen zu übergehen.[431]

Aber alle diese Mittel schienen der Kirche noch nicht den erwünschten Erfolg gebracht zu haben. Man ließ sich deshalb zu Handlungen verleiten, welche dem Wesen des Christentums schroff zuwider waren. So wurden z. B. Kinder mit List oder mit Gewalt den Eltern weggenommen, um ihnen die Taufe zu erteilen. Ein Beispiel darüber findet sich bei Scotus in seinem Kommentar über Lombards viertes Buch vor. Scotus, der einer der scharfsinnigsten Denker unter den Scholastikern war, schreibt, „daß ein Fürst, der mit einer gewissen Behutsamkeit die Kinder der Juden und Ungläubigen wider den Willen ihrer Eltern taufen lasse, daran sehr wohl tue, weil Gott an den Kindern ein größeres Recht habe als die Eltern; ja solche Eltern selbst dürften gar wohl durch Drohung zur Taufe gezwungen werden, weil, gesetzt, daß sie auch keine wahren Gläubigen würden, doch ihre Nachkommen, wenn sie eine gute Erziehung erhielten, es werden könnten“.[432]

Seit dem 6. und 7. Jahrh. kommen derartige Zwangstaufen recht häufig vor und dies nicht nur an unmündigen Kindern sondern sogar an Erwachsenen. Kaiser Justinian (527–565) verordnete nach Binghams Angabe: „Solche Väter, welche die Taufe noch nicht empfangen hätten, sollten sich samt ihren Weibern und Kindern und allen, die ihnen zugehörten, im Gotteshause einfinden und daselbst ihre Kleinen sogleich taufen lassen, die übrigen aber sollten die Taufe empfangen, sobald sie im Wort Gottes nach den heiligen Büchern wären unterrichtet worden. Wenn aber irgend jemand, um ein öffentliches Amt oder eine öffentliche Würde zu erlangen, oder um Besitzungen erwerben zu können, in unaufrichtiger Absicht die Taufe an sich vollziehen, dabei aber Weib oder Kinder oder Dienstboten oder wer immer seinem Hause oder seiner Verwandtschaft angehöre, im alten Irrtum verharren ließe, dessen Güter sollten in solchem Falle eingezogen und seine Person durch den zuständigen Richter gestraft werden, auch sollte er von jedem Amte im öffentlichen Gemeinwesen ausgeschlossen bleiben.“[433] „Der fränkische König Chilperich ließ viele Juden wider ihren Willen und mit Gewalt taufen, und vertrat zuweilen selbst die Taufzeugen- oder Patenstelle. Dasselbe tat der König Sisebut in Ansehung der spanischen Juden.“[434] Das Konzil zu Toledo im Jahre 633 erklärt sich gegen diesen Brauch.[435] „Es fehlte auch nicht an Eifer zu gewaltsamer Heidenbekehrung. Der Frankenkönig Dagobert (628–638) zwang nicht bloß die Juden zur Taufe, sondern erließ auf Anraten des hl. Amandus den Befehl, die heidnischen Einwohner von Gent mit Gewalt zu taufen. Dasselbe geschah auf Befehl Karls des Großen in Ansehung der Sachsen. Auch liefert die Geschichte der Einführung des Christentums unter den Bulgaren, Friesen, Thüringern, Skandinaviern u. a., sowohl von seiten der Regenten als der sogenannten Heidenapostel, mehr als ein Beispiel von Aufnötigung der Taufe durch physische Gewalt, durch List und Überredung. Es wurde für verdienstlich gehalten, das Reich und die Herde Christi zu vermehren, wenn auch die Mittel, dies zu bewirken, nicht eben die edelsten und würdigsten sein sollten.“[436]

Diese Vorgänge sind der beste Beweis, wie gar bald die Staatskirche den Grundsatz Jesu: „Wer da will, der komme,“ aus dem Auge verlor. Ist es deshalb zu verwundern, daß die Kirche völlig verweltlichte und den göttlichen Charakter mehr und mehr verlor? Doch gab es Kirchenlehrer und dies besonders im 13. Jahrh., welche zu solchen Zwangsmaßregeln weder rieten noch sie billigten. So äußert sich z. B. Thomas von Aquin nach Schröckhs Angabe in diesem Punkt dahingehend, daß die Kinder der Juden oder anderer Ungläubigen wider den Willen der Eltern nicht getauft werden dürften.[437]

Die Reformation fand die Kindertaufe als einen festen kirchlichen Gebrauch vor und trat gegen die Verteidigung der Erwachsenentaufe mit Entschiedenheit für sie ein. Zwingli, der mit Grebel, Manz und Dr. Balthaser Hubmaier, damals Pfarrer in Waldshut in der Nähe von Zürich, die Gegner der Kindertaufe waren, häufig zusammenkam, hat eine Zeitlang den „Irrtum“ eingesehen und war der Meinung, daß es besser sei, die Taufe bis zu „gutem Alter“ aufzuschieben, jedoch nahm er bald wieder eine entgegengesetzte Stellung ein und wurde von da ab ein eifriger und fanatischer Verteidiger der Säuglingstaufe.[438] Er schritt sogar, als die öffentlichen Besprechungen mit den Wiedertäufern ihr Wachsen nicht aufhielten, 1525 mit seiner „theokratischen Rücksichtslosigkeit zur Gewalt“. „Der Rat verfügte unter Androhung von Landesverweisung die Taufe aller Kinder innerhalb acht Tagen, ließ die Widergesetzlichen einfangen“ und verordnete 1526, daß alle Wiedertäufer „ohne Gnade und Barmherzigkeit ersäuft werden“.[439]

Die Aufgabe der Reformatoren war sicherlich eine große und edle, und ohne Zweifel waren die Männer von Gott berufen, um der in großer Dunkelheit sich befindenden Menschheit das volle Licht göttlicher Wahrheit zu bringen. Allein sie haben diese ihre hohe Aufgabe nicht ganz erfüllt, da sie mit den vielen Irrlehren und Mißbräuchen Roms nicht völlig aufräumten. Man hätte, „um der Einsetzung Christi wieder näher zu treten“, wie Dr. Friedrich Schleiermacher sagt, „bei der Reformation die Kindertaufen fahren lassen können“.[440] Das Vorurteil und Mißtrauen, mit dem oft die Reformatoren gegen all das, was in irgend einer Weise mit ihrer Auffassung und Lehrbestimmung nicht übereinstimmte, erfüllt waren, veranlaßte sie oft, dies, ohne es einer genauen Prüfung zu unterziehen, zu verwerfen. Man denke hier z. B. an die ungerechte Behandlung von Grebel, Manz, Balthaser Hubmaier und ihrer Glaubensgenossen. Die einfachen Lehren und Heilsanstalten des Evangeliums wurden zu einem Gewebe dogmatischer Spitzfindigkeiten ausgesponnen und durch äußere Zwangsanstalten, wie die Kindertaufe eine ist, gefesselt. Doch, was die mutigen, im Geiste Gottes kämpfenden Verteidiger der biblischen Wahrheit Großes geleistet haben, erkennen wir herzlich gerne an und sind mit innigem Dank gegen sie selbst und gegen den allweisen Lenker der Weltgeschichte erfüllt. Aber diesen unsern Dank dürfen wir nicht dadurch zum Ausdruck bringen, daß wir sie zur Richtschnur unseres Glaubens machen, sondern wir müssen auch hier den Weg gehen, den uns Gott in seinem Bibelbuch vorschreibt. Sehr richtig und beherzigend sind folgende Worte von Dr. Priestly: „Luther und Calvin reformierten viele Mißbräuche, besonders in der Kirchenzucht, und ebenso verschiedene grobe Verderbnisse in der Lehre; aber sie ließen andere Dinge von weit größerer Bedeutung, gerade wie sie dieselben vorfanden.... Es gereicht ihnen zum großen Verdienst, so weit gegangen zu sein, als sie gingen, und nicht sie, sondern wir sind zu tadeln, wenn ihre Autorität uns am Weitergehen hindert. Wir sollten sie vielmehr nachahmen in der Kühnheit und dem Geiste, womit sie so viele lang geduldete Irrtümer in Frage zogen und berichtigten; und für uns selbst aus ihren Arbeiten Nutzen ziehend, größere Fortschritte machen, als sie imstande waren zu machen. Wir haben wenig Grund, ihren Namen, Autorität und Beispiel anzuführen, wenn sie viel taten und wir durchaus nichts tun. Hierin ahmen wir ihnen nicht nach, sondern denen, welche sich ihnen widersetzten und zuwiderhandelten, indem sie alles so lassen wollten, wie es war.“[441]

Aber ebenso wahr und beherzigend sind auch folgende Worte Dr. Gmelins: „Sobald eine Kirche wirklich eine „evangelische“ sein will, so darf sie die Zugehörigkeit zu ihr niemals erzwingen und auch nicht durch scheinbare Freiwilligkeit erschleichen wollen, sondern muß es immer dem tatsächlich freien Willen, der eigenen Überzeugung eines jeden überlassen, ob er sich zu ihr bekennen und ihren Bedingungen unterwerfen will. Den Versuch, durch staatliche „Schutzmaßregeln“ oder durch gewohnheitsmäßige Zwangseinrichtungen, wie die Kindertaufe eine ist, als Symbol des Eintritts in eine kirchlich-religiöse Genossenschaft, sich eine möglichst große Zahl äußerlicher Glieder zu sichern, können wir immer nur als einen im besten Fall katholisch, im tiefsten aber heidnisch-weltlichen, nie aber einen „evangelischen“, dem Evangelium Jesu und seinem ganzen Sinn und Geist entsprechenden, erkennen.“[442]

Wir schließen unsere Untersuchung mit der der Tatsache entsprechenden Ausführung von Dr. Lange: „Die Geschichte beweist, daß die Kindertaufe in der ältesten Kirche nur ein Erzeugnis des schon frühzeitig überhandnehmenden Aberglaubens von der mystischen, übernatürlich wirkenden Kraft des durch den hl. Geist bewegten Taufwassers und von der Gewalt des Teufels und der Dämonen über die Seelen der Ungetauften war, und daß sie erst durch die Vollendung dieses Aberglaubens allgemein eingeführt wurde. Es fragt sich auch aus diesem Grunde, ob es der evangelischen Kirche würdig und angemessen sei, ein solches Denkmal des altchristlichen Aberglaubens länger zu dulden.“[443]