Aber wie anders ist nach diesem bald alles geworden! Im Geiste schaute schon der Apostel Paulus die Zeit, wo Spaltungen, verderbliche Irrlehren die Gemeinde Gottes durchseuchen würden. Deshalb mahnte er bei seinem Abschied zu Milet: „Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die der Herde nicht verschonen werden. Aus euch selbst werden aufstehen Männer, die da verkehrte Lehren reden, die Jünger an sich zu ziehen.“ Apg. 20, 29. 30.

Schon am Ende des 2. Jahrh., in den Tagen Tertullians, fing die sogenannte Überlieferung an, eine Rolle zu spielen, Neuerungen entstanden, neue Namen und Lehrgebräuche tauchten auf. Demgemäß berichtet auch Redenbacher: „Es taten sich auch im 2. und 3. Jahrh. mancherlei Irrtümer auf; es kamen die Gnostiker auf, welche mit dem schlichten Christenglauben nicht zufrieden waren, sondern noch eine viel höhere und tiefere Erkenntnis haben wollten.“[2] Die darauf folgende Erhebung der Großkirche und Anerkennung von seiten der Staatsmacht brachte eine Flut von Verderbnis. Das Heidentum hielt seinen siegreichen Einzug in die Großkirche, und Götzendienst und Aberglaube traten an die Stelle der Einfalt und Einheit des Urchristentums. — Da war fürwahr die verabscheuungswürdige Zeit gekommen, die Paulus schon ankündigte: die Zeit, da sie die heilsame Lehre nicht mehr leiden wollten, sondern sich nach ihren eigenen Lüsten eine Lehre schufen, nach der ihnen die Ohren juckten und sich von der biblischen Wahrheit zu menschlichen Fabeln kehrten. 2. Tim. 1, 3. 4.

Mit Schauder liest man die Geschichte späterer Jahrhunderte, die Taten der herrschenden Ungerechtigkeit, der blutigen Grausamkeit, wo man das Schwert des Christen gegen Christen führte, der verschwenderischen Prunksucht, der ekelhaften Wollust, welche von den Häuptern einer gefallenen Großkirche ohne Scham und Scheu vollzogen wurden. Kaiser, Könige, Fürsten und viele ehrwürdige weise Glieder der Kirche eiferten dagegen, um diesem Unwesen und dieser Gottlosigkeit Schranken zu setzen, aber — vergebens! Mancher fromme Diener des Herrn, welcher aus Gottes Wort die Erkenntnis des Besseren erworben hatte, wurde für seine Kühnheit, mit der er die Laster der Priester oder den Mißbrauch der Kirche strafte, in den Kerker geworfen, des Christennamens unwürdig erklärt und aus dem Schoß der Kirche gestoßen. Man hat solche, weil sie die biblische Wahrheit und die Tugend predigten, für Ketzer erklärt und des Todes würdig gefunden. So wurde z. B. auf der Synode zu Toulouse im Jahre 1299, Kanon 14, beschlossen: „Die Laien dürfen die Bücher des A. und N. Testamentes nicht besitzen.“[3] Man nahm dem Volke die Bibel — die Grundlage des Christentums — und gab ihm dafür erdichtete Überlieferung und menschliche Satzungen. Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Priester gaben sich alle erdenkliche Mühe, um „in den Gläubigen einen heilsamen Schauder vor solch giftigem Lesen der Bibel zu erwecken“.[4] „Hier und dort drangen die Inquisitoren unversehens in die Häuser ein; alle irgend Verdächtigen wurden ergriffen, in scheußliche Kerker geworfen, durch die schauderhaftesten Torturen zum Geständnis der Ketzerei gezwungen und dann zum Gerichte des Feuertodes verurteilt.“ „Zahllos loderten die Scheiterhaufen, und die Exekution ging immer mit großer Feierlichkeit im Beisein hoher Herren und ungeheurer Volksmassen vor sich. Der Widerrufenden wartete lebenslängliche Haft.“[5]

Das waren die Mittel, die man anwandte, um all den Irrlehren, den Neuerungen und den unbiblischen Lehr- und Glaubenssätzen — zu denen auch die falsche Lehre betreffs der Taufe zu rechnen ist — ihre Geltung in der Kirche zu verschaffen.

Der Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ja, seit die Sünde in der Welt ist, und er wird von Tag zu Tag größer. In unserer gegenwärtigen Zeit genügt es nicht, nur die Wahrheit zu lehren, nein, man muß auch den Irrtum zeigen und bekämpfen, besonders da, wo er im Gewande der Wahrheit einherschleicht. Zeigen muß man die Entstellung der Wahrheit und den Ursprung solcher Entstellung nachweisen. Das soll nun die Aufgabe der nachfolgenden Darstellung mit Bezug auf die christliche Taufe sein.

Möge uns der Herr bei der näheren Betrachtung dieser Frage mit seiner göttlichen Weisheit zur Seite stehen und uns seinen hl. Geist verleihen, der uns in „alle Wahrheit leite“.

Alttestamentliche Vorbilder der Taufe.

Bevor die Taufe in der Christenheit als neutestamentliche Verordnung zur Anwendung kam, wurde dieselbe schon im A. Testament