Gegen Abend kam der Riese wieder in den Kerker, um zu sehen, ob sie seinen Rat befolgt hätten. Er fand sie aber noch am Leben — am Leben, dies ist fast alles, was man von ihnen sagen kann, da sie vor Hunger und Durst und dem brennenden Schmerz der Wunden in diesem finstern Loch kaum noch Atem schöpfen können —; und mit grimmiger Wut rief er ihnen zu, da sie seinen Rat verachtet, so solle es schlimmer mit ihnen werden, als wenn sie nie geboren wären.
Zitternd und bebend vernahmen sie diese Worte, vor denen Christ in Ohnmacht fiel. Da er wieder zu sich gekommen war, sprach er aufs neue davon, ob es für sie nun doch nicht besser sei, sich das Leben zu nehmen.
„Mein Bruder,“ hob Hoffnungsvoll wieder tröstend an, „gedenke doch nur daran, wie tapfer du sonst gewesen bist! Apollyon konnte deiner nicht mächtig werden; alle jene Schrecknisse im Tal der Todesschatten übermochten dich nicht. Durch wie viele Prüfungen, Angst und Nöte bist du schon gegangen! Und jetzt solltest du völlig verzweifeln? Du siehst, auch ich, von Natur viel schwächer als du, schmachte mit dir in demselben Kerker. Hat mich der Riese nicht ebensosehr verwundet wie dich? Auch ich genieße keinen Bissen Brot, keinen Tropfen Wasser, ich liege ebenso wie du in Finsternis und Trauer. Aber laß uns nur noch ein wenig dulden! Wie männlich warst du auf dem Markt der Eitelkeit! Nicht Ketten konnten dich schrecken, nicht Gefängnis, nicht blutiger Tod. Welche Schande, wenn wir nun verzweifeln wollten!“
Wieder war es Abend geworden, und als der Riese und seine Frau sich zurückgezogen hatten, fragte sie ihn, wie es mit den Gefangenen stände und ob sie seinem Rat gefolgt. Er antwortete: „Es sind halsstarrige, durchtriebene Menschen! Lieber erdulden sie alle Grausamkeit, als daß sie sich selbst umbringen.“ Sie erwiderte: „Dann führe sie morgen einmal in den Burghof und zeige ihnen die Gebeine und Schädel derer, die du schon in die andre Welt befördert hast, und mache es ihnen klar, daß du sie vor Ablauf einer Woche ebenso in Stücke zerreißen werdest, wie du es mit andern ihresgleichen getan.“
Der Tag war kaum angebrochen, so begab sich der Riese in den Kerker und trieb die Gefangenen hinauf in den Hof, der mit Menschengebeinen bedeckt war. „Diese,“ sagte er, „sind einst Pilgrime gewesen wie ihr; sie sind in mein Gebiet gekommen wie ihr, und ich habe sie in Stücke zerrissen, sobald es mir gefiel. So werde ich in wenigen Tagen auch mit euch tun. Jetzt geht zurück in euren Kerker!“ Und als sie sich umwandten, schlug er sie und trieb sie mit unbarmherzigen Hieben wieder hinab. Ihr Jammer überstieg an diesem Tag alle Grenzen.
Am Abend unterhielten sich der Riese und seine Frau wieder über die Gefangenen. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß er sie weder durch Schläge noch durch Überredung aus der Welt schaffen konnte. Frau Mißtrauen sagte: „Ich fürchte sehr, daß sie noch in der Hoffnung leben, es werde jemand kommen und sie aus dem Kerker befreien, oder daß sie Dietriche bei sich haben, wodurch sie zu entkommen hoffen.“
„Meinst du, liebe Frau?“ antwortete der Riese. „Dann will ich sie morgen früh gleich durchsuchen.“
Um Mitternacht fingen Christ und Hoffnungsvoll an zu beten und beteten fort bis zu Tagesanbruch. Auf einmal rief Christ wie erschrocken aus: „O ich Tor! Ich liege hier in diesem stinkenden Kerker und könnte frei und fröhlich meine Straße ziehen! Ich habe ja den Schlüssel der Verheißung in meinem Busen, der gewiß alle Schlösser der Zweifelsburg öffnet.“
„Was sagst du? Das ist ja herrlich, lieber Bruder!“ rief Hoffnungsvoll. „Nimm ihn heraus und versuch’s damit!“
Christ zog ihn hervor und versuchte es sogleich an der Kerkertür, die sich augenblicklich öffnete, so daß Christ und Hoffnungsvoll heraustreten konnten. Sie gingen bis zu der äußern Tür, die auf den Burghof führt, und öffneten sie ebenfalls mit dem Schlüssel der Verheißung. Nun kamen sie an das große eiserne Tor, das letzte Hindernis. Das Schloß ließ sich nur mit großer Mühe und vereinter Anstrengung aufschließen, allein auch dieses gelang endlich. Sie stießen es auf, um in Eile zu entfliehen. Jedoch das Knarren des eisernen Tores war so laut, daß der Riese darob erwachte und sich eilends aufmachte, um seinen Gefangenen nachzujagen. Seine Glieder wurden aber gelähmt durch plötzlich eintretende Krämpfe, so daß er sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Die Pilger eilten davon und erreichten bald wieder des Königs Heerstraße, wo der Riese ihnen nichts mehr anhaben konnte.