Sie waren sich ihrer Schuld wohl bewußt und fanden daher keine Kraft in sich, dem Gewaltigen zu widerstehen, der sie vor sich her in seine Burg trieb, wo er sie in einen finstern, schmutzigen Kerker warf. Hier lagen sie vier Tage, ohne einen Bissen Brot, ohne einen Trunk Wasser zu genießen. Kein Lichtstrahl drang in ihre Finsternis; kein Mensch fragte, wie es ihnen gehe. Sie waren hier in übler Lage, dazu fern von Freunden und Bekannten[113]. Christ war ganz untröstlich, weil sein Rat zu einem so schrecklichen Ausgang geführt hatte.
Der Riese Verzweiflung hatte eine Frau, mit Namen Mißtrauen. Als sie sich zur Ruhe begeben hatten, erzählte er ihr, wie er zwei Pilgrime, die sein Gebiet betreten, eingefangen und in den Kerker geworfen habe. „Was meinst du, was soll ich nun mit ihnen tun?“ fragte er sie. Die Frau erkundigte sich, was das für Leute wären, woher sie kämen und wohin sie reisten. Nachdem sie dies erfahren, riet sie ihm, den Männern zuerst einmal mit einer tüchtigen Tracht Prügel aufzuwarten. In der Frühe des andern Morgens begab sich der Riese also nach dem Rat seiner Frau, mit einer Keule von wildem Apfelholz bewaffnet, zu seinen Gefangenen und jagte sie im Kerker herum, als ob sie Hunde wären, obwohl sie ihn nicht mit einem einzigen Wort beleidigt hatten. Danach fiel er über sie her und schlug sie so entsetzlich, daß sie auf dem Boden liegenblieben, ohne sich rühren zu können. Darauf verschloß er den Kerker wieder und überließ sie ihrem Jammer. Sie brachten denn auch den ganzen Tag nur mit Seufzen und Klagen hin.
In der folgenden Nacht besprachen sich der Riese und seine Frau weiter über die Gefangenen, und als letztere erfuhr, daß sie noch am Leben wären, riet sie ihm, dieselben zu bereden, sich selbst das Leben zu nehmen.
Am Morgen fand sich der Riese wieder bei den Unglücklichen ein, und da er sie noch sehr an den Wunden des vorigen Tages leiden sah, riet er ihnen, einem so elenden Leben durch Messer, Strick oder Gift ein Ende zu machen, denn aus diesem Gefängnis würden sie nie wieder herauskommen. Sie wagten es, ihn um Befreiung zu bitten, aber mit gräßlichen Gebärden, brüllend wie ein Löwe, fiel er über sie her und hätte sie ohne Zweifel umgebracht, wenn er nicht plötzlich von heftigen Krämpfen, wie er sie zuweilen bei Sonnenschein bekommt, befallen worden wäre. Dadurch war er des Gebrauchs seiner Hand für eine Zeitlang beraubt und zog sich deshalb zurück, sie ihren Gedanken überlassend. Die Gefangenen beratschlagten nun miteinander, ob es das beste wäre, seinem Rat zu folgen oder nicht, und begannen darüber folgendes Gespräch:
„Bruder,“ sagte Christ, „was sollen wir tun? Wir führen jetzt ein jämmerliches Leben. Ist es nicht besser, augenblicklich zu sterben als so zu leben? Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin. Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an? (Hiob 3, 3. 11.) Viel lieber ist mir das Grab als dieser Kerker. Soll uns dieser Riese noch länger peinigen?“
„Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“ ([S. 137.].)
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GRÖSSERES BILD
Hoffnungsvoll. Allerdings, unsre Lage ist entsetzlich, und der Tod, der uns daraus erlöste, wäre uns willkommen; aber laß uns wohl bedenken, daß der Herr des Landes, dahin wir gehen, gesagt hat: „Du sollst nicht töten!“ Keinem andern dürfen wir das Leben nehmen, noch weniger aber dem Rat des Riesen folgen und uns selbst umbringen. Wer einen andern tötet, kann nur den Leib töten; tötest du dich selbst, so tötest du Leib und Seele zugleich. Du sprichst von der Ruhe im Grab, mein Bruder; hast du die Hölle vergessen, in die sich die Mörder hinabstürzen? Du weißt, „ein Totschläger hat nicht das ewige Leben bei ihm bleibend“ (1. Joh. 3, 15). Überdies hat der Riese nicht alle Gewalt in seinen Händen; andre, die ebenso wie wir in seinem Gefängnis waren, sind wieder entkommen. Wer weiß, Gott, der Schöpfer der Welt, läßt ihn vielleicht sterben, oder er vergißt einmal die Tür zuzuschließen, oder er wird wieder einmal, während er bei uns ist, von seinen Krämpfen befallen und verliert den Gebrauch seiner Glieder. Sollte dies je wieder geschehen, so werde ich mich ermannen und das Äußerste versuchen, um seinen Händen zu entgehen. Ein Tor bin ich gewesen, daß ich es nicht eher versucht habe. Laß uns nur noch ein wenig aushalten, mein Bruder, vielleicht kommt bald die Zeit unsrer Erlösung. Laß uns nur nicht Selbstmörder werden!
Durch diesen Zuspruch beruhigte Hoffnungsvoll einstweilen das Gemüt seines Bruders, und so verharrten sie denn den Tag über miteinander im Finstern in ihrer traurigen und kummervollen Lage.