[139] Herr, Du erforschest mich und kennst mich; Du verstehst meine Gedanken von ferne (Ps. 139, 1. 2).

[140] Sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan (Röm. 10, 3. 4).

[141] Petrus sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern Mein Vater in Himmel (Matth. 16, 16. 17).

Zwölftes Kapitel.
Durch die Fluten der letzten Trübsal und Eingang in die himmlische Stadt.

Unter diesen Betrachtungen legten sie die letzte Strecke des bezauberten Grundes zurück und betraten das Land der Vermählung, wo ihnen sogleich eine lieblich erfrischende Luft entgegenwehte. Da ihr Weg hier hindurchführte, so erquickten sie sich daselbst eine Zeitlang. „Siehe, der Winter ist vergangen,“ rief Hoffnungsvoll, „die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Land“ (Hohesl. 2, 12). Hier geht die Sonne nicht unter, das Tal der Todesschatten ist weit entfernt, der Riese der Verzweiflung dringt hier niemals ein; die Zweifelsburg sieht man nicht mehr; die himmlische Stadt, zu der sie wanderten, strahlte ihnen in hellem Licht entgegen, und es begegneten ihnen schon einige der Glänzenden, die hier an den Grenzen des Himmels gewöhnlich zu lustwandeln pflegen. Hier ward nun die Verlobung zwischen der Braut und dem Bräutigam erneuert, ja wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so freut sich ihr Gott über sie (Jes. 62, 5). Hier hatten sie auch keinen Mangel an Korn und Wein, sondern fanden alles das im Überfluß, was sie auf ihrer ganzen Pilgerreise gesucht hatten. Von der Stadt her drangen laute Stimmen an ihr Ohr, welche riefen: „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! siehe, Sein Lohn ist bei Ihm!“ (Jes. 62, 11), und von den Einwohnern des Landes wurden sie genannt: „Das heilige Volk, die Erlösten des Herrn“ (Jes. 62, 12).

Während sie hier wanderten, durchströmte eine nie gekannte Freude ihr Herz. Sie kamen nun der Stadt immer näher, und immer vollkommener wurde deren Anblick; sie sahen schon die Mauern von edlem Gestein, sie sahen die Perlentore und die Straßen von lauterm Gold. Dieser Glanz und diese Herrlichkeit, welche die darauf fallenden Sonnenstrahlen zurückwarfen, erweckten in ihrem Herzen eine unendliche Sehnsucht nach dem Herrn. Daher legten sie sich eine Weile nieder und riefen in ihrem Heimweh aus: „Findet ihr meinen Freund, so sagt Ihm, daß ich vor Liebe krank liege!“ (Hohesl. 5, 8). Als sie sich wieder ein wenig gefaßt hatten, zogen sie weiter. Der Weg führte sie an lieblichen Obst- und Weingärten vorüber, deren Türen nach der Straße hin offen standen. Der Gärtner stand am Weg, und den fragten sie: „Wem gehören diese herrlichen Weinberge und lieblichen Gärten?“ Er antwortete: „Dies sind die Besitzungen des Königs, die Er für sich und zur Erquickung der Pilger angelegt hat.“ Hierauf führte der Gärtner sie in die Weingärten und hieß sie sich erfrischen mit den darin wachsenden köstlichen Früchten. Er zeigte ihnen auch des Königs Lustgänge und Sommerlauben, in denen sich aufzuhalten Seine Lust war. Allda verweilten sie ein wenig und schliefen ein.

Nun bemerkte ich in meinem Traum, daß die Pilger in ihrem Schlaf mehr redeten als während ihrer ganzen Reise, und da ich mich darüber verwunderte, sprach der Gärtner zu mir: „Warum machst du dir hierüber Gedanken? Es liegt in der Natur der Früchte dieser Weingärten, daß sie so glatt eingehen und der Schläfer Lippen reden machen“ (Hohesl. 7, 10).