Liebe Mitpilger!
Vor einiger Zeit hatte ich die Freude, euch zu eurem Nutz und Frommen zu erzählen, was mir von Christ, dem Pilger, und seiner gefahrvollen Reise nach dem himmlischen Land träumte. Ich habe euch damals auch berichtet, wie seine Frau und Kinder sich weigerten, ihn auf seiner Pilgerfahrt zu begleiten. Da er sich der drohenden Gefahr des Gerichts, das über der Stadt Verderben schwebte, nicht länger aussetzen durfte, war er genötigt, seine Familie zu verlassen und allein die Reise zu unternehmen.
Nun bin ich bisher durch meine vielseitigen Geschäfte stets abgehalten und gehindert worden, meine gewohnten Reisen in jene Gegend zu machen, so daß sich mir bis vor kurzem keine Gelegenheit bot, nach seinen Hinterlassenen weiter zu fragen, um euch dann über ihr Ergehen Auskunft geben zu können. Da ich aber unlängst in jener Gegend zu tun gehabt, so ging ich wieder dort hinab. Nachdem ich nun in einem Wald, ungefähr eine Meile von dem Ort entfernt, mir ein Nachtlager bereitet hatte, schlief ich ein und träumte abermals:
Ich sah in meinem Traum, daß ein alter Herr auf mich zukam, und weil er ein Stück desselben Weges gehen wollte, den ich wandern sollte, so dünkte es mich, als ob ich mich aufmachte und mit ihm ging. Und wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn man auf einer Reise mit jemand zusammentrifft, so kamen auch wir bald in ein Gespräch, das sich zufällig auf Christ und seine Reisen bezog. Ich redete den alten Mann also an:
„Mein Herr, was ist das hier unten für eine Stadt, die dort linker Hand von unserm Wege liegt?“
Hierauf antwortete Herr Scharfsinn — denn das war sein Name —: „Das ist die Stadt Verderben, ein volkreicher Ort, aber bewohnt von einem bösartigen und trägen Schlag Menschen.“
„Dachte ich’s doch,“ erwiderte ich, „daß es jene Stadt wäre. Ich bin selbst einmal da durchgekommen, und daher weiß ich, daß dieser Bericht wahr ist.“
Scharfsinn. Nur zu wahr! Was wollte ich lieber, als daß ich in Wahrheit besser von diesen Leuten reden könnte!
„Ich sehe schon, lieber Herr,“ sagte ich weiter, „daß du ein gutgesinnter Mann bist, und du wirst es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn wir miteinander ein nützliches Gespräch führen. Sage mir doch, hast du nie etwas vernommen, was vor einiger Zeit mit einem Mann aus dieser Stadt, namens Christ, sich zugetragen, der sich auf eine Pilgerreise nach den obern Gegenden begeben hat?“