Scharfsinn. Ei freilich habe ich von ihm vernommen, spricht man doch in unserm ganzen Land von den Drangsalen, Beschwerden, Kämpfen, Banden, Seufzern, Klagen, Ängsten und Schrecken, die er auf seiner Reise ausgestanden hat. Unter all denen, die von ihm und seinen Taten gehört haben, werden ihrer nur wenige sein, die nicht mit großer Teilnahme den Berichten über seine Pilgerfahrt gefolgt sind. Ja, ich glaube sagen zu dürfen, daß er die Herzen vieler dadurch gewonnen hat. Denn obwohl er, solange er hier war, in jedermanns Augen als Narr galt, so wird er doch jetzt, nachdem er weg ist, allgemein hoch gepriesen. Man sagt nämlich, er lebe herrlich dort, wo er jetzt ist; ja vielen von denen, die sich niemals diesen Gefahren aussetzen würden, wässert gleichwohl der Mund nach seinem Glück.

„Daß er es dort gut hat,“ versetzte ich, „daran ist nicht zu zweifeln; wohnt er doch an der Lebensquelle und genießt, was er hat, ohne Mühe und Sorge, den dort mischt sich kein Schmerz hinein. Aber ich bitte dich, fahre fort zu erzählen! Was sagen die Leute noch mehr von ihm?“

Scharfsinn. Seltsame Dinge werden über ihn berichtet! Einige sagen, er wandle jetzt in weißen Kleidern[146], er trage eine goldene Kette um den Hals, er habe eine mit Perlen besetzte Krone auf dem Haupt. Andre sagen, daß jene Lichtsgestalten, die ihm zuweilen auf seiner Wanderung erschienen, nun beständig um ihn seien und er dort solch vertrauten Umgang mit ihnen pflege wie bei uns ein Nachbar mit dem andern. Außerdem wird zuverlässig bezeugt, daß der König jenes Ortes ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und angenehme Wohnung bei Hofe angewiesen habe[147], daß er täglich mit Ihm esse und trinke[148], vor Ihm stehe und mit Ihm rede, und daß er der Liebe und Gunst dessen genieße, der der Richter über alle ist. Endlich erwarten einige, daß der Fürst jenes Landes binnen kurzem in diese Gegend kommen werde, um alle seine Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie ihn, als er Pilger werden wollte, geringgeachtet und verspottet haben. Denn sie sagen, er sei nun also hoch bei seinem Fürsten in Gnaden, und es nehme dieser die dem Christ wegen seiner Pilgerschaft zugefügten Verunglimpfungen dermaßen zu Herzen, daß Er alles ansehen wolle, als wäre es Ihm selber geschehen[149]. Und das sei auch kein Wunder, denn aus Liebe zu seinem Fürsten habe er all dieses gewagt.

„Über dieser Nachricht bin ich wirklich erfreut,“ erwiderte ich, „und ich gönne es dem armen Mann von Herzen, daß er nun ruht von seiner Arbeit[150] und die Frucht seiner Tränen mit Freuden erntet[151]; ja, daß er nun auch nicht mehr die Zielscheibe der Bosheit seiner Feinde ist, sondern für immer entrückt aus dem Bereich seiner Hasser. Auch das ist ein Grund zur Freude, daß diese Geschichten im ganzen Lande bekannt geworden sind; denn wer weiß, ob nicht bei dem einen oder andern der Zurückgebliebenen dadurch eine heilsame Frucht gewirkt werden kann. Aber — da es mir eben einfällt — bitte, sag mir doch, lieber Herr, ist dir denn gar nichts von seiner Frau und seinen Kindern zu Ohren gekommen? Die armen Seelen! Ich bin gespannt, etwas über ihr Ergehen zu erfahren.“

Scharfsinn. Über Christin und ihre Söhne? Denen wird es gewiß ebenso gut gehen wie Christ selber. Denn wiewohl sie anfangs ihm kein Gehör schenkten und weder Tränen noch Bitten sie zum Mitziehen bestimmen konnten, so hat doch weiteres Nachdenken bei ihnen Wunder gewirkt. Sie haben zuletzt ihre Sachen gepackt und sind ihm nachgezogen.

„Das läßt sich hören!“ rief ich. „Wirklich? Frau und Kinder, alle miteinander?“

Scharfsinn. So ist es. Ich kann dir darüber ausführlichen Bericht geben; denn ich war selbst gerade dort und konnte den Verlauf der Dinge genau verfolgen.

„So darf man also,“ fragte ich, „es verbreiten als eine wirkliche Tatsache?“

Scharfsinn. Das darfst du unbesorgt tun; denn wie gesagt, sie haben alle die Pilgerschaft angetreten, die gute Frau und auch ihre vier Knaben. Und da wir ja noch ein ziemliches Stück Weges miteinander zu gehen haben, so will ich dir einen ausführlichen Bericht darüber geben.

Diese Christin (so hieß sie seit ihrem Aufbruch zur Pilgerreise) fing an, in ihren Gedanken sehr beunruhigt zu werden, nachdem ihr Mann über den Fluß hinübergekommen war und sie nun nichts mehr von ihm hören konnte. Zuerst geschah’s, weil sie ihren Mann verloren hatte und weil nach solcher Nachricht die Hoffnung, wieder mit ihm vereinigt zu werden, zerstört war. Daß bei der Erinnerung an den Verlust geliebter Angehörigen manche heiße Träne fließt, ist ja ganz natürlich. So auch bei Christin. Bei ihr kam aber noch etwas andres hinzu. Immer mehr drängte sich ihr nämlich die Befürchtung auf, ob nicht ihr ungeziemendes Verhalten gegen ihren Gatten eine Ursache sei, warum sie ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr genommen wäre. Und dabei fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sie erkannte all ihr unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren teuren Freund; all dieses fing an, ihr Gewissen zu beschweren und sie mit dem Gefühl der Schuld zu drücken. Mehr noch wurde sie zerknirscht, wenn sie der vielen Seufzer, der bittern Tränen und des Wehklagens ihres Gatten gedachte und wie sie ihr Herz gegen alle seine Bitten und sein liebevolles Zureden, ihn doch samt den Kindern zu begleiten, verhärtet hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten traten alle seine Worte und was er getan, wie ein heller Blitzstrahl ihr wieder vor die Seele und zerschnitt ihr das Herz. Besonders tönte sein schmerzlicher Ausruf: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30) in ihren Ohren erschütternd nach[152].