„Meine Söhne, wir sind alle verloren!“ ([S. 198.])
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GRÖSSERES BILD
Darauf sprach sie zu ihren Kindern: „Meine Söhne, wir sind alle verloren! Ich habe wider euren Vater gesündigt, und er ist fortgegangen. Er hätte uns gern mit sich genommen; aber ich wollte nicht mit ihm gehen und habe auch euch vom Lebensweg zurückgehalten.“ Da brachen die Knaben alle in Tränen aus und verlangten danach, ihrem Vater nachzuziehen. „O,“ sagte Christin, „welch ein Glück wäre es für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! Wie leicht wäre uns das Reisen geworden, viel leichter, als wir es jetzt erwarten können. Wiewohl ich früher in meiner Torheit die Bekümmernisse eures Vaters närrischer Einbildung und trübsinniger Laune zuschrieb, so will es mir nun doch scheinen, daß sie aus einer andern Ursache hervorgegangen sind, nämlich weil ihm das Licht des Lebens aufgegangen war[153], durch dessen Hilfe er, wie ich nun merke, den Stricken des Todes entgangen ist[154].“ Hierauf weinten sie alle aufs neue und riefen aus: „O weh des Tags!“
In der folgenden Nacht hatte Christin einen Traum und siehe, es war ihr, als sähe sie vor sich eine große offene Pergamentrolle, auf welcher die Summe all ihres Tuns verzeichnet stand. Und wie es ihr vorkam, sahen ihre Missetaten sehr schwarz aus. Da rief sie im Schlaf laut aus: „Gott, sei mir Sünderin gnädig!“ (Luk. 18, 13), und es hörten sie die Kinder.
Hiernach dünkte es sie, als ständen zwei sehr übelgesinnte Wesen an ihrem Bett, welche sprachen: „Was fangen wir nur mit diesem Weib an? denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben. Darum müssen wir auf die eine oder die andre Weise ihre Gedanken von dem, was hernach sein wird, abzuziehen suchen, oder nichts in der ganzen Welt wird sie hindern, auch eine Pilgerin zu werden.“
Zitternd und ganz in Schweiß gebadet erwachte sie; aber nach einer Weile schlief sie wieder ein und träumte und sah im Traum ihren Gatten, den Christ, mit glänzendem Angesicht an einem Ort der Seligkeit unter vielen Unsterblichen mit einer Harfe in der Hand stehen und darauf spielen vor einem, der auf einem Thron saß und um dessen Haupt ein Regenbogen war. Sie sah auch, daß er sich zu den Füßen seines Fürsten niederwarf und anbetend ausrief: „Ich danke Dir von ganzem Herzen, mein Herr und König, daß Du mich an diesen Ort gebracht hast!“ Darüber jauchzte die Menge derer, die rund umherstanden, und schlugen an ihre Harfen; aber keine menschliche Zunge konnte aussagen, was sie sprachen; Christ und seinen Mitgenossen war diese himmlische Sprache bekannt.
Als Christin am nächsten Morgen aufgestanden war, zu Gott gebetet und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte jemand stark an die Tür. Sie rief mit lauter Stimme: „Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein!“ — „Amen,“ sagte der Fremde, öffnete die Tür und grüßte: „Friede sei mit diesem Haus!“ und alsbald fuhr er fort: „Christin, weißt du, weshalb ich gekommen bin?“ Da errötete sie und zitterte; ihr Herz klopfte in der Erwartung, zu erfahren, woher er komme und was für eine Botschaft er an sie auszurichten habe. „Mein Name ist Verborgen,“ sprach er weiter, „ich wohne bei denen in der Höhe. Dein Verlangen, nach der himmlischen Stadt zu ziehen, ist dort bekanntgeworden[155]; auch weiß man von deiner tiefen Reue über all das Unrecht, das du früher deinem Mann zugefügt hast, indem du dein Herz gegen sein inständiges Bitten verhärtet und auch diese deine Knaben vom Pfad des Friedens zurückgehalten hast. So hat denn, Christin, der Barmherzige mich gesandt, dir zu sagen, daß Er ein Gott ist, der gern verzeiht und nicht müde wird, Missetaten zu vergeben. Er ladet dich auch hiermit ein, vor Sein Angesicht zu kommen; an Seiner Tafel will Er dich speisen mit den reichen Gütern Seines Hauses und mit dem Erbe Jakobs, deines Vaters. Daselbst wohnt Christ, dein ehemaliger Gatte, in seligem Verein mit vielen andern, deren Zahl mehr denn Legion ist; sie schauen das Angesicht Gottes, von dem ihnen Leben und Seligkeit zufließt immerdar. Diese alle werden sich freuen und fröhlich sein, wenn sie hören das Rauschen deiner Füße.“
Über diesen Worten ward Christin tief beschämt und neigte ihr Angesicht zur Erde. Der Abgesandte aber fuhr fort und sprach: „Hier ist auch ein Brief an dich, Christin, von dem König deines Mannes[156].“ Sie nahm denselben und öffnete ihn. Er duftete aber wie köstliche Salbe, und die Schrift war mit goldenen Buchstaben geschrieben. Der Inhalt des Briefes war: Der König begehre, daß auch sie sich auf die Pilgerreise begebe, wie Christ, ihr Mann, es getan; denn das sei der Weg, zu Seiner Stadt zu gelangen und in Seiner Gegenwart mit Freuden zu wohnen ewiglich. „Herr,“ rief die gute Frau ganz überwältigt, „willst du mich und meine Kinder mit dir nehmen, daß wir hinziehen und diesen König auch anbeten[157]?“
„Christin,“ erwiderte der Abgesandte, „vor dem Süßen kommt das Bittere; auch du mußt durch viel Trübsale in die himmlische Stadt eingehen. So rate ich dir, gehe, wie Christ, dein Mann, es tat, zu der engen Pforte, die dort jenseits der Ebene liegt; denn sie steht am Eingang des Weges, den du gehen mußt, und ich wünsche dir eine glückliche Reise. Den Brief, den du erhalten, verwahre sorgfältig in deinem Kleid, da du ihn an der himmlischen Pforte abgeben mußt. Lies mit deinen Kindern fleißig darin, bis ihr ihn auswendig wißt, denn er enthält eins von den Liedern, das du singen mußt, solange du noch in dem Hause deiner Wallfahrt bist[158].“