Nun sah ich in meinem Traum, daß jener alte Herr, während er mir diese Geschichte erzählte, selber sehr davon ergriffen zu sein schien. Indessen fuhr er fort und erzählte weiter: Christin rief alsbald ihre Söhne zusammen und redete sie also an: „Meine lieben Söhne, ihr habt wohl bemerkt, daß der Tod eures Vaters mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat — nicht als ob ich an seiner Glückseligkeit zweifelte, denn daß er wohl aufgehoben ist, davon bin ich hinlänglich überzeugt. Aber auch, wenn ich unser bisheriges Leben überdachte, das doch eigentlich ein elendes genannt werden muß, war ich sehr bekümmert; und vollends ist es mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst, was sich wie eine schwere Last auf mein Gewissen wälzt; denn ich habe nicht nur mein, sondern auch eure Herzen gegen ihn verhärtet und mich geweigert, mit ihm die Pilgerfahrt anzutreten. — Der Gedanke an all dieses würde mir wohl das Herz brechen, wenn ich nicht in der verflossenen Nacht einen Traum gehabt und dieser Fremde mir heute morgen Mut zugesprochen hätte. Kommt, meine Kinder, laßt uns aufbrechen und zu der Pforte eilen, welche nach dem himmlischen Land führt, daß wir euren Vater wiedersehen und bei ihm und all den Seligen nach den Gesetzen jenes Landes in Frieden wohnen!“

Da brachen die Kinder in Tränen aus vor Freude, daß ihrer Mutter Herz so umgewandelt war. Alsbald nahm der Abgesandte Abschied von ihnen, und sie fingen an, sich auf die Reise zu rüsten.

Während sie damit beschäftigt waren, kamen zwei von Christins Nachbarinnen vor das Haus und klopften an die Tür. „Kommt ihr in Gottes Namen, so tretet ein!“ rief sie auch ihnen zu. Das machte die Frauen stutzig, denn eine solche Rede hatten sie weder von Christins Lippen noch sonst überhaupt jemals gehört. Gleichwohl traten sie ein; aber siehe, sie fanden die gute Frau im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

„Aber Nachbarin, sag, was hast du denn vor?“ fragten sie wie aus einem Munde.

„Ich rüste mich auf eine Reise,“ antwortete Christin, sich an Frau Furchtsam, die ältere von ihnen, wendend.

(Diese Furchtsam war eine Tochter dessen, dem Christ auf dem Berg der Beschwerde begegnete und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte.)

Furchtsam. Aber ich bitte dich, zu welcher Reise denn?

Christin. Meinem teuren Mann nachzugehen. — Und dabei fing sie an zu weinen.

Furchtsam. Nachbarin, das will ich nicht hoffen. Ich bitte dich um deiner armen Kinder willen, du werdest doch nicht dein Mutterherz verleugnen und sie gar verlassen wollen!

Christin. Nein, meine Kinder sollen auch mit mir gehen, nicht eins von ihnen will zurückbleiben.