Furchtsam. Ich traue meinen Augen und Ohren nicht; wer in aller Welt hat dich nur auf diesen Gedanken gebracht?

Christin. O Nachbarin, wüßtest du, was ich weiß, du würdest ohne Zweifel mit mir ziehen.

Furchtsam. Ei, was für neue Kunde hast du denn bekommen, die so dein Herz von deiner Freundschaft abzieht und dich verleitet, wer weiß wohin zu gehen?

Christin erwiderte: „Ich bin seit der Abreise meines Mannes immer schmerzlich betrübt gewesen und besonders, seit er über den Fluß gegangen ist. Was mich am meisten bekümmert, das ist mein hartes Betragen gegen ihn, als er so niedergeschlagen war. Zudem ist es mir jetzt ebenso zumute, wie ihm damals war; so kann mir nichts helfen, als daß auch ich die Pilgerschaft antrete. Mir träumte vorige Nacht, als sähe ich ihn. O wäre doch meine Seele bei ihm! Er wohnt bei dem König jenes Landes, sieht allezeit Sein Angesicht; er sitzt mit Ihm an Seiner Tafel; er ist ein Mitgenosse der Unsterblichen, und es ist ihm ein Haus geworden, in dem er wohnt, demgegenüber die herrlichsten Paläste auf Erden mir wie elende Hütten vorkommen. Es hat auch der Fürst dieses Landes nach mir gesandt mit der Verheißung, daß Er mich aufnehmen wolle, wenn ich zu Ihm kommen würde. Sein Abgesandter war jetzt eben bei mir und hat mir ein Einladungsschreiben überreicht, daß ich kommen solle.“ Und hiermit zog sie den Brief hervor und las ihn und sprach zu ihnen: „Was wollt ihr nun hierzu sagen?“

Furchtsam. O diese Tollheit, die dich und deinen Mann ergriffen hat, in solche Schwierigkeiten hineinzurennen! Es ist dir doch gewiß nicht unbekannt, was deinem Mann schon am Anfang des Weges begegnet ist, was unser Nachbar Störrig noch bezeugen kann, ebenso Willig, die ja eine Strecke weit mit ihm gegangen, bis sie als verständige Männer sich scheuten, weiterzugehen. Wir haben auch ein langes und breites davon gehört, wie er mit den Löwen, dem Apollyon und mit Schatten des Todes zu tun gehabt und vielen andern Schrecknissen der Art. Denke doch an die Gefahren, die ihm auf dem Eitelkeitsmarkt drohten! Denn wenn es ihm, der doch ein Mann war, so übel erging, was kannst du tun, die du nur eine schwache Frau bist? Bedenke doch auch, daß diese vier süßen Kleinen deine Kinder sind, dein Fleisch und Bein! Wenn du also auch verwegen genug sein solltest, dich selber ins Unglück zu stürzen, so bleibe doch wenigstens um deiner Kinder willen zu Hause.

Christin aber antwortete ihr: „Versuche mich nicht, Nachbarin, jetzt ist es in meine Hand gelegt, einen großen Gewinn zu erlangen, und ich müßte die größte Närrin sein, wenn ich nicht das Herz hätte, diese Gelegenheit zu ergreifen[159]. Was all die Beschwerden betrifft, die mir, wie du sagst, auf dem Weg gleichfalls begegnen werden, so lasse ich mich dadurch nicht im geringsten entmutigen; ich sehe vielmehr daraus, daß ich auf der rechten Bahn bin. Das Bittere muß vor dem Süßen kommen, und es wird auch das Süße desto süßer machen. Deshalb, da du nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen, wie ich sagte, so bitte ich dich, nur wieder zu gehen und mich nicht weiter zu beunruhigen.“

Da fing Furchtsam an, sie zu schmähen[160], und zu ihrer Gefährtin sprach sie: „Komm, Nachbarin Barmherzig, wir müssen sie ihrem eigenen Willen überlassen, da sie unsern Rat und unsre Gesellschaft verachtet.“ Allein Barmherzig ward unschlüssig und konnte nicht sofort ihrer Nachbarin beipflichten, und zwar aus zwei Gründen: Erstlich entbrannte ihr Herz für Christin. Sie sprach bei sich selbst also: „Wenn meine Nachbarin durchaus fort will, so will ich eine Strecke Wegs mit ihr gehen und ihr behilflich sein.“ Zum andern war sie über ihre eigene Seele bekümmert, denn Christins Worte waren wie Nägel in ihr Herz gedrungen, und sie dachte: „Ich muß über diese Sache noch weiter mit Christin reden, und finde ich Wahrheit und Leben in dem, was sie sagen wird, so will ich auch von Herzen gern mit ihr gehen.“ Und so antwortete Barmherzig ihrer Nachbarin Furchtsam:

„Nachbarin, ich bin allerdings mit dir gekommen, um Christin heute morgen zu besuchen. Weil sie aber, wie du siehst, vorhat, ihrem Vaterland für immer Lebewohl zu sagen, so gedenke ich, an diesem sonnigen Morgen sie noch ein Stück Wegs zu begleiten und ihr ein wenig Handreichung zu tun.“ Sie sagte ihr aber nichts von ihrem zweiten Grund, sondern behielt diesen für sich.

Furchtsam. Nun, ich sehe schon, du hast auch Lust zum Närrischwerden. Allein sei beizeiten auf deiner Hut und nimm Vernunft an! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Also kehrte Frau Furchtsam den beiden den Rücken und ging. Zu Hause angekommen, lud sie alsbald einige ihrer Nachbarinnen zu sich ein, nämlich Frau Fledermausauge, Frau Unbedachtsam, Frau Leichtsinn und Frau Unwissend, um ihnen die neue Geschichte von Christin und ihrer beabsichtigten Reise mitzuteilen. Sie begann also ihre Erzählung: