„Nachbarinnen, da ich heute morgen nicht viel zu tun hatte, ging ich aus, um Christin einmal zu besuchen. Als ich an ihre Tür klopfte, wie es doch bei uns Sitte ist, antwortete sie: Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein! Im guten Glauben, es stände alles wohl, ging ich hinein, und da finde ich sie, wie sie sich rüstet, um die Stadt zu verlassen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten hätte, gestand sie mir offen, daß sie sich entschlossen, auf die Pilgerschaft zu gehen, wie ihr Mann getan. Sie erzählte mir auch einen Traum, den sie gehabt, und wie der König des Landes, wo ihr Mann sich aufhalte, ihr ein Einladungsschreiben geschickt hätte, daß sie dahin kommen solle.“

„Wie? was?“ rief Frau Unwissend, „und glaubst du wirklich, daß sie gehen wird?“

Furchtsam. Freilich wird sie gehen, was auch immer daraus entstehen mag. Das kann ich daraus entnehmen, weil gerade das, wodurch ich sie von ihrem abenteuerlichen Unternehmen abzuschrecken gedachte — nämlich all die Gefahren und Beschwerden, die ihr auf dem Weg gewiß begegnen werden — für sie ein Ansporn zur Abreise ist. Das Bittere komme vor dem Süßen, hat sie gesagt, und werde das Süße noch versüßen.

„O die blinde und törichte Frau!“ sprach Frau Fledermausauge, „will sie sich denn durch die Trübsale ihres Mannes nicht warnen lassen? Ich meinesteils sehe klar, wenn er wieder hier wäre, würde er seiner heilen Haut froh sein und sich wohl nie wieder für nichts und wieder nichts in so viel Gefahren stürzen.“

Frau Unbedachtsam hob nun auch an und sagte: „Fort mit solchen phantastischen Narren aus der Stadt! Ich für meinen Teil bin froh, daß wir sie loswerden. Denn bliebe sie hier wohnen und behielte diesen Sinn bei, wer könnte dann noch friedlich mit ihr leben? Denn entweder würde sie trübsinnig sein oder mit niemand nachbarlichen Umgang pflegen oder fortwährend von solchen Dingen reden, die kein vernünftiger Mensch hören mag. Ich für meine Person werde mich also um ihre Abreise gar nicht grämen. Laßt sie laufen und laßt Bessere an ihre Stelle kommen! Es ist schon lang nicht mehr unsre gute Welt, seitdem diese wunderlichen Narren in ihr wohnen.“

Und Frau Leichtsinn setzte hinzu: „Genug, tut diese Art von Unterhaltung beiseite! Gestern war ich bei Madame Wollust. Da waren wir so lustig wie junge Mädchen. Was denkt ihr wohl, wer alles da war? Ich nämlich und Frau Fleischesliebe und noch drei oder vier andre wie Herr Liederlich, Frau Unflat und solcher Art mehr. Da hatten wir denn Musik und Tanz und was sonst noch dazu gehört, das Vergnügen vollzumachen. Und das muß ich sagen: Die Frau des Hauses ist eine bewunderungswürdige, feingebildete Dame, und Herr Liederlich ist auch ein höchst angenehmer Gesellschafter.“

Fußnoten:

[146] Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).

[147] Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach. 3, 7).

[148] Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).