Mein alter Freund fuhr fort: Da aber Christin zu dem Sumpf der Verzagtheit kam, ward sie bedenklich und blieb stehen. „Hier,“ sagte sie, „ist die Stelle, wo mein lieber Mann in den Schlamm fiel und beinahe versunken wäre.“ Sie bemerkte auch, daß ungeachtet des Königs Befehl, diese Stelle für die Pilger auszubessern, sie eher schlechter als besser geworden war. — Als ich fragte, ob sich das also verhielte, da antwortete der alte Mann: „Ja, ja, so ist es; denn es gibt viele, welche vorgeben, des Königs Arbeiter zu sein, und sagen, sie ließen es sich angelegen sein, des Königs Heerstraße auszubessern; allein statt der Steine bringen sie Kot und Unrat herzu, und so verderben sie den Weg, statt ihn zu bessern.“

So blieb nun Christin mit ihren Kindern unschlüssig hier stehen; Barmherzig hingegen sagte: „Kommt, laßt uns es wagen, nur wollen wir uns in acht nehmen!“ So gingen sie sehr behutsam vor, Schritt für Schritt, und kamen, wenn auch hin und wieder ausgleitend, mit knapper Not hinüber. Doch wäre Christin einigemal beinahe steckengeblieben. Als sie nun die gefährliche Stelle überschritten hatten, so war es ihnen, als hörten sie die Worte: „O selig bist du, die du geglaubt hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn“ (Luk. 1, 45).

Indem sie ihren Weg fortsetzten, sprach Barmherzig zu Christin: „O wenn ich wie du die gewisse Zuversicht hätte, an der Pforte eine freundliche Aufnahme zu finden, ich glaube, kein Sumpf der Verzagtheit könnte mich mutlos machen.“

„Nun,“ erwiderte Christin, „du kennst jetzt deine Schwächen und ich die meinen. Ja, liebe Freundin, wir alle werden noch Drangsal genug haben, ehe wir an das Ziel unsrer Reise kommen. Denn das darf man sich nicht einbilden, daß Menschen, die eine solche Herrlichkeit zu erlangen trachten wie wir und um ihre Glückseligkeit so beneidet werden, nicht auf allerart Schlingen und Hindernisse, Anfechtungen und Trübsale stoßen werden. Nein, unsre Hasser werden uns alles das in den Weg zu legen wissen.“

Hier nun verließ mich Herr Scharfsinn, daß ich meinen Traum selber zu Ende träumen möchte, und es dünkte mich, als sähe ich Christin, Barmherzig und die Knaben alle miteinander nach der engen Pforte zugehen. Daselbst angekommen, berieten sie darüber, wie sie anklopfen und was sie dem Torhüter sagen sollten. Es wurde beschlossen, daß Christin als die Älteste anklopfen und mit dem, der auftun würde, auch für die übrigen sprechen sollte.

Christin klopfte also an die Pforte[163] und, wie ihr armer Mann getan, klopfte sie wieder und wieder. Anstatt aber, daß jemand antwortete, meinten sie alle einen Hund zu hören[164], der bellend auf sie zukäme; ja, ein Hund war’s und noch dazu ein großer, der den Frauen und Kindern Schrecken einjagte. Auch wagten sie eine Zeitlang nicht, wieder anzuklopfen, aus Furcht, daß der Bullenbeißer sie anfallen könnte. Eine peinliche Stille folgte, und sie wußten nicht, was sie vornehmen sollten; denn umkehren wollten sie auch nicht, weil sie fürchteten, der Torhüter möchte es wahrnehmen und unwillig auf sie werden. Endlich aber faßten sie ein Herz, noch einmal anzuklopfen, und sie klopften heftiger als zuvor. Hierauf rief der Torhüter: „Wer ist da?“ Sogleich hörte der Hund auf zu bellen, und die Pforte ward ihnen aufgetan. Christin verneigte sich und sprach:

„Möge unser Herr nicht zürnen mit Seinen Mägden, weil wir an Seine königliche Pforte geklopft haben!“

Hüter. Von wannen kommt ihr? und was ist euer Begehr?

Christin. Wir kommen von daher, von wannen Christ auch kam, und in derselben Absicht wie er, nämlich daß wir, so es Dir gefällt, durch diese Pforte auf den Weg gelangen, der zu der himmlischen Stadt führt. Auch tue ich meinem Herrn zu wissen, daß ich Christin, Christs Frau, bin, der nun droben angelangt ist.

„Wie?“ rief der Torhüter verwundert aus, „ist die nun eine Pilgerin geworden, die noch vor kurzem ein solches Leben verabscheute?“ Christin verneigte sich und sprach: „Ja, und hier sind auch meine lieben Kinder!“