„Lasset die Kindlein zu Mir kommen!“ (Mark. 10, 14) sagte Er, nahm sie bei der Hand und führte sie hinein; das Tor ward wieder geschlossen. Hierauf rief Er einem Trompeter auf der Warte zu, Christin mit Frohlocken und dem Schall der Posaune zu empfangen. Dieser fing alsbald an zu blasen und erfüllte mit lieblichen Weisen die Luft.
Während dieser Zeit stand die arme Barmherzig draußen, zitterte und weinte bitterlich vor Furcht, daß sie verworfen wäre. Als jedoch Christin für sich und ihre Söhne Einlaß erlangt hatte, begann sie, sich für Barmherzig zu verwenden.
„Herr,“ sprach sie, „ich habe eine Gefährtin, die noch draußen steht. Sie ist in derselben Absicht hergekommen wie ich. Sie ist sehr niedergeschlagen in ihrem Gemüt, weil sie kommt, wie sie denkt, ohne eingeladen zu sein, wogegen von meines Mannes König nach mir geschickt wurde.“
Nun fing Barmherzig an, sehr ungeduldig zu werden, und es kam ihr jede Minute so lang vor wie eine Stunde. Dadurch, daß sie selbst an die Pforte anklopfte, unterbrach sie Christin in ihrer Fürsprache für sie. Ihr Anklopfen war so stark, daß jene zusammenfuhr. „Wer ist draußen?“ fragte der Torhüter. Christin antwortete: „Es ist meine Freundin.“
Er öffnete also das Tor und sah hinaus. Barmherzig aber war draußen ohnmächtig hingesunken, denn ihre Kraft verließ sie, weil sie fürchtete, daß ihr keine Tür aufgetan werden würde. Da ergriff Er sie bei der Hand und sagte: „Mägdlein, Ich sage dir, stehe auf!“ (Mark. 5, 41.)
„Ach Herr,“ sprach sie, „ich bin noch so schwach; es ist kaum noch Leben in mir.“
Er erwiderte: „Es steht geschrieben: Da meine Seele bei mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen Tempel (Jon. 2, 8). Fürchte dich nicht, sondern tritt auf deine Füße und sage Mir, warum du hergekommen bist.“
Barmherzig. Ich komme um etwas, wozu ich niemals eingeladen worden bin wie meine Freundin Christin. Sie kommt auf den Ruf des Königs, ich aber nur auf den ihren; darum fürchte ich, ich sei vermessen.
Hüter. Hat sie dich aufgefordert, mit ihr hierher zu kommen?
Barmherzig. Ja, und so bin ich, wie mein Herr sieht, auch gekommen; und ist noch irgendwelche Gnade und Vergebung der Sünden vorhanden, so bitte ich, laß doch diese Deine arme Magd Anteil daran haben!