Da nahm Er sie wieder bei der Hand, führte sie sanft hinein und sprach: „Ich bitte für alle die, welche an Mich glauben, sie mögen zu Mir kommen, wodurch es auch sei[165].“ Und zu denen, welche dabeistanden, sprach Er: „Holt etwas herbei und gebt es Barmherzig, daß sie daran rieche und wieder wacker werde.“ Da brachten sie ihr einen Büschel Myrrhe, und alsbald ward sie von neuer Kraft durchströmt.
Nun wurden Christin und ihre Knaben und Barmherzig von dem Herrn am Eingang des Weges empfangen, und Er redete freundlich mit ihnen. Sie sprachen zu Ihm: „Wir haben gesündigt, und unsre Sünden sind uns herzlich leid, und wir bitten Dich: Vergib uns und unterweise uns den Weg, den wir zu gehen haben!“
Er antwortete: „Vergebung wird euch zuteil durch Wort und Tat, nämlich durch das Wort der Verheißung Meiner Gnade, durch Tat: in der Weise, wie Ich sie erworben habe. Nehmet die erste von meinen Lippen mit einem Kuß (Hohesl. 1, 2; Joh. 20, 22) und die andre, wie es euch weiterhin wird geoffenbart werden.“
Noch manch süßes Trostwort sprach Er ihnen zu, wodurch ihre Herzen hoch erfreut wurden. Er führte sie auch auf die Warte des Tores und zeigte ihnen, durch welche Tat sie gerettet worden[166], und verhieß ihnen, daß sie diesen Anblick auf ihrer fernern Reise zu ihrem Trost wieder haben sollten.
Danach ließ Er sie eine Weile allein unten in einer Gartenlaube, wo sie sich miteinander unterhielten.
„O wie froh bin ich,“ fing Christin an, „daß wir hier angelangt sind!“
Barmherzig. Du kannst auch wohl froh sein; aber ich habe vor allem Ursache, vor Freude zu springen.
Christin. Als ich vor der Pforte stand und auf mein Anklopfen niemand antwortete, da dachte ich, es wäre all unsre Mühe vergeblich, zumal als der bissige Hund uns so greulich anbellte.
Barmherzig. Und mir entfiel gänzlich das Herz, als du in Gnaden angenommen und ich draußen gelassen wurde. Ich sah darin schon die Erfüllung dessen, was geschrieben steht: „Zwei werden mahlen auf der Mühle; eine wird angenommen, und die andre wird verlassen werden“ (Matth. 24, 41). Weiter anzuklopfen wagte ich nicht, und so kam ich der Verzweiflung nahe. Als ich aber die Inschrift über der Pforte erblickte, faßte ich wieder Mut, mir selber zusprechend: Jetzt oder nie! So klopfte ich denn; ich kann aber nicht sagen wie, war ich doch wie eine, die mit dem Tode rang.
Christin. Wie? das weißt du nicht einmal? O dein Klopfen konnte einem Mark und Bein durchdringen, wie ich dergleichen meine Lebetage noch nie gehört habe. Ja, es schien, als wolltest du mit Gewalt eindringen und das Reich im Sturm einnehmen[167].