Barmherzig. Was konnte ich in meiner Not anders tun? Vor mir ward die Tür verschlossen, und zudem schreckte mich ein grimmiger Hund! Wer in aller Welt, der so geängsteten Herzens gewesen wie ich, würde nicht mit aller Macht angeklopft haben? Aber, bitte, was sagte mein Herr zu solcher Dreistigkeit? War Er nicht ungehalten über mich?
Christin. Als Er dein ungestümes Klopfen hörte, zog sich ein wunderbar mildes Lächeln über Sein Angesicht. Ich glaube, was du tatest, gefiel Ihm wohl, denn Er ließ nichts von Mißfallen gewahr werden. Aber eines ist mir ein Rätsel, warum Er wohl einen solchen Hund hält. Wie gut, daß ich das vorher nicht wußte, denn sonst hätte ich mich kaum so weit gewagt. Aber nun sind wir ja geborgen, und darüber ist mein Herz fröhlich.
Barmherzig. Wenn es dir recht ist, will ich Ihn fragen, sobald Er herunterkommt, warum Er ein so widerwärtiges Tier auf Seinem Hof hält. Ich hoffe, Er wird es nicht übelnehmen.
„Bitte, tue das!“ sagten die Kinder, „und berede Ihn, daß Er ihn anbindet; denn uns ist so bange, daß er uns beißt, wenn wir von hier weggehen.“
Als Er endlich wieder zu ihnen trat, fiel Barmherzig vor Ihm nieder zur Erde, betete an und sprach: „Herr, laß Dir wohlgefallen das Opfer meines Dankes, welches ich Dir jetzt darbringe, und die Farren meiner Lippen!“
Er erwiderte: „Friede sei mit dir! Stehe auf!“ Sie aber blieb auf ihrem Angesicht liegen und sprach: „Herr, wenn ich gleich mit Dir rechten wollte, so behältst Du doch recht; dennoch muß ich vom Recht mit Dir reden (Jer. 12, 1). Warum hältst du einen so bösen Hund auf Deinem Hof, bei dessen Anblick Frauen und Kinder wie wir aus Angst von Deinem Tore fliehen möchten?“
Er antwortete und sprach: „Jener Hund hat einen andern Eigentümer; er wird auch auf eines andern Grund und Boden in Verwahrung gehalten; Meine Pilgrime hören nur sein Bellen. Er gehört zu dem Schloß, welches ihr dort in der Ferne seht; aber er kann bis an die Mauern dieses Orts herankommen und hat schon manchen rechtschaffenen Pilger durch seine gewaltige Stimme heilsam erschreckt. Freilich, sein Herr hält ihn nicht aus irgendwelcher Freundschaft zu Mir und den Meinen, sondern in der Absicht, die Pilger abzuhalten, zu Mir zu kommen, und damit sie sich fürchten, an dieser Pforte um Einlaß anzuklopfen. Zuweilen hat er sich auch losgerissen und einige Meiner Geliebten übel zugerichtet; aber das alles nehme Ich zurzeit noch mit Geduld an. Doch schaffe Ich Meinen Pilgern rechtzeitige Hilfe, daß sie seiner Gewalt nicht überlassen werden und er ihnen nicht tue, wozu ihn seine hündische Art treibt. Aber du, Meine teuer Erkaufte, darfst dich nicht von einem Hund abschrecken lassen, und wenn du zuvor noch soviel davon erfahren hättest. Auch die Bettler, die von einer Tür zur andern gehen, laufen lieber Gefahr, von einem Hund angebellt oder gar gebissen zu werden, als daß sie sich ein erhofftes Almosen entgehen ließen. Sollte denn ein Hund, der sich auf eines andern Hof befindet, und dessen Gebell ich zum besten Meiner Pilger wende, jemand abhalten, zu Mir zu kommen? Ich errette sie aus dem Rachen des Löwen und Meine Einsame von den Hunden“ (Ps. 22, 21. 22).
„Ich bekenne meine Unwissenheit,“ sprach Barmherzig, „ich habe von Dingen geredet, die ich nicht verstehe. Ich erkenne, daß Du alles wohl machst.“
Christin fing hierauf von ihrer Reise zu reden an und nach dem Weg zu fragen. So speiste Er sie denn, wusch ihnen die Füße und brachte sie auf den Weg Seiner Fußstapfen, wie Er zuvor mit ihrem Mann getan.
Fußnoten: