Barmherzig errötete und wagte nicht aufzusehen.

Ausleger. Fürchte dich nicht, glaube nur und sage, wie dir’s ums Herz ist!

Barmherzig. Ach, lieber Herr, da es mir an solchen Erfahrungen mangelt, möchte ich lieber schweigen, und das ist es auch, was mich mit Furcht erfüllt, endlich doch noch dahintenbleiben zu müssen. Ich kann nichts von Gesichten und Träumen erzählen wie meine Freundin Christin, noch kann ich davon mitsprechen, daß ich Reue empfunden hätte über die Verachtung des Rats lieber Angehöriger.

Ausleger. Was war es denn, teures Herz, was dich bestimmte, das Pilgerleben zu erwählen?

Barmherzig. Nun, das kam so. Während unsre Freundin noch mit Zurüstungen zur Reise beschäftigt war, da wollten ich und eine andre sie gerade besuchen. Wir klopften an die Tür und traten ein. Da wir sie nun fanden also tun, stellten wir sie darüber zur Rede. Sie sagte, sie habe Bericht erhalten, zu ihrem Mann zu kommen, und erzählte uns, daß sie ihn im Traum gesehen, wie er an einem wunderbaren Ort unter Unsterblichen wohne, eine Krone auf dem Haupt trage, auf einer Harfe spiele, an seines Fürsten Tafel esse und trinke und Ihm aus Dank dafür Loblieder singe und andres mehr. Über diesen Worten entbrannte mein Herz in mir, und ich sprach bei mir selbst: Wenn das wahr ist, so will ich Vater und Mutter und das Land meiner Geburt verlassen und, wenn Christin mich annimmt, mit ihr ziehen. Ich fragte sie also weiter nach der Wahrheit dieser Dinge und ob sie mich wollte mitziehen lassen, denn ich erkannte, daß ich nur auf die Gefahr hin, mit der Stadt zu verderben, länger darin bleiben könne. Was mein Herz aber mit Schmerz erfüllte, war, daß ich so viele meiner Verwandten zurücklassen mußte. So bin ich denn mit innigstem Herzensverlangen gekommen, um mit Christin zu ihrem Mann und seinem König zu ziehen.

Ausleger. Dein Vornehmen ist gut, denn du hast der Wahrheit Glauben geschenkt. Du bist eine Ruth, die aus Liebe zu Naemi und zu dem Herrn, ihrem Gott, Vater und Mutter und Heimat verließ, damit sie auszöge und käme zu einem Volk, das sie zuvor nicht kannte. Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter Seinen Flügeln Zuversicht hättest (Ruth 2, 11. 12).

Das Abendessen war nun beendet, den Frauen und den Knaben wurden für die Nacht Zimmer angewiesen, wohin sie sich alsbald zurückzogen und sich zum Schlaf niederlegten. Barmherzig aber konnte vor Freude keinen Schlaf finden, weil ihre Zweifel, ob sie auch wirklich dann angenommen werde, immer mehr zu schwinden begannen. So lag sie denn auf ihrem Lager, Gott lobend und preisend, der ihr solche Gnade erwiesen hatte.

Mit Tagesanbruch erhoben sie sich und rüsteten sich zur Weiterreise. „Bleibet noch ein Weilchen,“ mahnte der Ausleger, „denn ihr müßt in allen Ehren von dannen ziehen,“ und zu Unschuld, die die Pilger empfangen hatte, sprach er: „Nimm sie mit dir und führe sie in den Garten zum Bad und laß sie daselbst sich waschen und vom Staub der Reise reinigen[175].“ Sie gingen also hin und wuschen sich und kamen aus dem Bade nicht allein hell und rein gewaschen, sondern auch in ihren Gliedern gestärkt und neu belebt.

Als sie wieder ins Haus traten, sah der Ausleger sie an und sprach zu ihnen: „Schön wie der Mond!“ (Hohesl. 6, 10.) Dann forderte er das Siegel, womit die, welche in seinem Bad rein gewaschen waren, versiegelt wurden. Mit diesem Siegel machte er an ihnen ein Zeichen, auf daß man sie an allen Orten, wohin sie noch kommen würden, erkennen könnte. Dies Siegel aber war die Summe und der Inbegriff des Passahlammes, welches die Kinder Israel aßen, als sie aus Ägyptenland zogen (2. Mos. 13, 8-10); und das Zeichen ward auf ihre Stirn gesetzt und war ein Schmuck und eine Zierde ihres Angesichtes.

Der Ausleger rief Unschuld abermals herbei und sprach: „Gehe in die Kleiderkammer und hole Gewänder daraus für diese Leute!“ Sie ging und brachte weiße Kleider und legte sie vor ihm nieder, und er gebot ihnen, dieselben anzuziehen; es war aber feines Leinen, weiß und rein[176]. Als die Frauen so geschmückt dastanden, waren sie wie ein Wunder füreinander, denn sie konnten bei sich selbst die Herrlichkeit nicht sehen, die eine jede an der andern erblickte. Daher fing jede an, die andre höher zu achten als sich selbst. „Du bist schöner als ich,“ sagte die eine; „nein, du bist herrlicher als ich,“ sprach die andre. Auch die Knaben standen staunend da über die Wandlung, die mit ihnen vorgegangen.