Unter der Führung von Mutherz kamen sie bald an den Ort, wo Christ die Bürde vom Rücken fiel und in ein Grab rollte. Hier standen sie still und priesen Gott darüber.

„Eben fällt mir wieder ein,“ sprach Christin, „was uns an der Pforte gesagt ward: daß wir Vergebung erhalten sollen durch Wort und Tat, nämlich durch Wort, das ist durch die Verheißung, durch Tat, das ist in der Weise, wie sie erlangt worden ist. Was die Verheißung ist, davon weiß ich etwas; was es aber heißt, Vergebung erlangen durch die Tat oder in der Weise, wie sie erworben wurde, das nehme ich an, weißt du, Herr Mutherz; deshalb bitten wir dich: unterweise uns darüber!“

Mutherz. Die Vergebung durch die Tat ist eine Vergebung, die von jemand für einen andern, der ihrer bedarf, erworben ist. Nicht durch die Person, welcher die Vergebung zuteil wird, sondern, so sagt ein andrer, „in der Weise, wie ich sie erworben habe.“ Also ist, um mich deutlicher auszudrücken, die Vergebung, welche du und Barmherzig und diese Knaben erlangt haben, durch einen andern erworben worden, nämlich durch den, der euch durch die Pforte einließ. Und zwar hat Er sie in einer doppelten Weise erworben: Er hat alle Gerechtigkeit erfüllt, um euch damit zu bedecken, und Er hat Sein Blut vergossen, euch damit zu reinigen.

Aber um die Vergebung zu bewirken, muß Gott etwas als Lösegeld dargebracht und uns zugleich etwas bereitet werden, was uns völlig bedeckt. Die Sünde hatte uns dem gerechten Fluch des göttlichen Gesetzes überliefert. Von dem Fluche müssen wir losgesprochen werden auf dem Weg der Erlösung, indem ein Lösegeld bezahlt wird für den Schaden, den wir mit unsern Sünden angerichtet haben, und dies ist geschehen durch das Blut eures Herrn, der da kam und trat an eure Stelle und starb für euch den Tod um eurer Übertretungen willen. So hat Er euch erkauft mit Seinem Blut und euch bekleidet mit Seiner Gerechtigkeit[177]. Um dessentwillen geht Gott gnädig an euch vorüber und wird euch nicht verderben, wenn Er kommt, die Welt zu richten[178].

Christin. Das ist herrlich! Nun verstehe ich erst recht, warum uns Vergebung zugesichert ward durch Wort und Tat. So laß uns, liebe Barmherzig, danach trachten, daß wir dies in unsern Herzen behalten, und ihr, meine Kinder, denket auch daran! Aber, lieber Herr, war es nicht gerade dies, das bewirkte, daß die Last von meines lieben Mannes Schultern herabfiel, und worüber er vor Freuden hüpfte?

Mutherz. Ja, es war der Glaube an den, der die Bande entzweischnitt, die auf keine andre Weise gelöst werden konnten, und war der Grund, daß er seine Bürde bis zum Kreuz tragen mußte, daß er einen Beweis von der Kraft dieser Vergebung empfinge.

Christin. Das dachte ich mir wohl, denn obgleich mein Herz schon zuvor leicht und froh war, so ist es doch jetzt zehnmal leichter und froher. Und wenn ich auch noch wenig dergleichen erfahren habe, so bin ich doch dessen völlig überzeugt, daß, wenn auch der beladenste und mühseligste Mensch in der Welt hier wäre und sähe und glaubte, wie ich jetzt glaube, so würde sein Herz fröhlich und getrost werden.

Mutherz. Durch diesen Anblick und die Betrachtung des Kreuzes wird uns nicht allein Trost und Befreiung von unsrer Bürde zuteil, sondern es wird auch eine herzliche Liebe dadurch in uns entzündet. O wer sollte nicht auch vor diesem Ratschluß Gottes zu seiner Erlösung in Dank und Anbetung stehen bleiben und zugleich in Liebe glühen zu dem, der sich für uns dahingegeben hat!

Christin. Wahrlich, mir ist, als ob mir das Herz blutete, wenn ich daran gedenke, daß Er für mich geblutet hat! O Du Gnadenreicher, o Du Hochgelobter, Du bist würdig, daß ich Dein bin, denn Du hast mich Dir erkauft! Dir gebührt es, mich ganz und gar zu besitzen, denn Du hast zehntausendmal mehr für mich bezahlt, als ich wert bin. Nun verwundere ich mich nicht mehr, daß sich meines Mannes Augen darüber mit Tränen füllten und die empfangene Gnade seine Schritte beflügelten. O wie gern hätte er mich da mit sich genommen! Ich Elende, daß ich ihn allein ziehen ließ! O Barmherzig, wenn doch dein Vater und deine Mutter hier wären, ja auch Frau Furchtsam! Ja, ich wünschte selbst von Herzen, daß auch Frau Wollust dabei wäre. Ohne Zweifel würden ihre Herzen ergriffen werden; es würde weder die Furcht der einen noch die Fleischeslust der andern vermögen, sie wieder nach Hause zu treiben und abzuhalten, den Pilgerstand zu erwählen.