Mutherz. Du sprichst jetzt in der Wärme deines tiefbewegten Herzens. Denkst du, daß es dir immer so zumute sein wird? Zudem wird dies nicht allen so zuteil, nicht einmal jedem, der deinen Jesus bluten sah. Manche standen dabei und sahen das Blut aus Seinem Herzen zu Boden rinnen und waren dennoch so ferne davon, daß sie, statt zu wehklagen, Ihn vielmehr verlachten, und anstatt Seine Jünger zu werden, ihre Herzen gegen Ihn verhärteten. Alles, was ihr empfindet, meine Töchter, rührt her von einem besonderen Eindruck, den die göttliche Gnade durch die Betrachtung dessen, worüber ich mit euch gesprochen, auf euch gemacht hat. Erinnert euch, daß euch gesagt ward, daß die Henne durch ihren allgemeinen Ruf ihre Küchlein nicht zur Speise locke. Dies habt ihr also durch eine besondere Wirkung der Gnade.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sie auf ihrem Weg an die Stätte kamen, wo Albern, Träge und Eigendünkel lagen und schliefen, als Christ hier vorbeiging, und siehe, nun waren sie ein wenig abseits vom Weg an Ketten aufgehängt.

„Wer sind diese drei?“ fragte Barmherzig ihren Führer, „und warum sind sie gehängt worden?“

Mutherz. Diese drei waren gefährliche Gesellen, die selber keine Lust hatten, Pilger zu werden, und andre, soviel sie nur konnten, daran hinderten. Sie waren selber träge und unverständig, und wen sie nur dazu bringen konnten, den machten sie ebenso wie sie und verhießen ihm zuletzt Glück und Wohlergehen.

Barmherzig. Aber ist es ihnen denn gelungen, jemand zu betören?

Mutherz. Ja, sie haben mehrere vom Weg abgelenkt. Da war Schneckengang, den sie auf ihre Seite brachten, auch einen gewissen Kurzatem und Feigherz sowie Lustgierig und Schlafkopf und eine junge Frau, namens Stumpfsinnig. Sie brachten auch euren Herrn in ein übles Gerede, indem sie ausstreuten, Er sei ein harter Dienstherr. Von dem Gelobten Land sprengten sie aus; es sei nicht halb so gut, als man vorgebe. Sie fingen auch an, Seine treuen Diener zu schmähen, und hießen sie zudringliche Menschen, Unruhestifter, Leute, die sich in alles einmischten. Sodann pflegten sie das Brot Gottes taube Nüsse zu nennen, die Tröstungen Seiner Kinder närrische Einbildungen, die Arbeit und Mühe der Pilger ein zweckloses Beginnen.

Christin. Nun, wenn sie so waren, dann will ich sie nimmermehr beklagen. Sie haben nur empfangen, was ihre Taten wert waren, und ich meine, es ist gut, daß sie so nahe an der Landstraße hängen, damit andre sie sehen und sich warnen lassen. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn ihre Übeltaten auf eine eiserne Tafel eingegraben und hier, wo sie ihre Bosheit verübt, andern schlechten Menschen zur Warnung hingestellt worden wären?

Mutherz. Das ist auch geschehen, wie du leicht wahrnehmen kannst, wenn du dich der Mauer näherst.

Barmherzig. Nein, nein, laß sie hängen und ihre Namen vergehen und ihre Übeltaten ewig gegen sie zeugen! Ich achte es für eine große Gnade, daß sie aufgehängt wurden, ehe wir hierhergekommen sind. Wer weiß, was sie sonst uns armen Frauen zugefügt hätten! — Sie faßte alsdann ihre Worte in ein Lied und sang:

Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder, schaffet eure Seligkeit;