Gib mir Deines Geistes Waffen, meine Seligkeit zu schaffen!

Sie wanderten weiter und kamen an den Fuß des Berges der Beschwerde, wo ihr treuer Begleiter wiederum Veranlassung nahm, ihnen zu erzählen, was Christ seinerzeit auf diesem Weg begegnete. Indem er sie an die Quelle führte, sprach er: „Seht, das ist die Quelle, aus der Christ trank, ehe er diesen Berg hinaufstieg. Damals war sie klar und rein, aber jetzt ist sie verunreinigt durch die Füße derer, die es nicht gerne sehen, daß die Pilger hier ihren Durst löschen[179].“

„Aber,“ fragte Barmherzig, „warum sind sie so neidisch?“

„Nun, es wird schon gehen,“ erwiderte der Führer, „wenn man daraus in ein reines Gefäß schöpft, der Schlamm wird sich dann auf dem Boden setzen und das Wasser um so klarer werden.“ — Sie taten also, wie ihnen gesagt ward, und schöpften in ein irdenes Gefäß und ließen es stehen, bis sich der Schlamm gesetzt hatte, und hernach tranken sie davon.

Mutherz zeigte ihnen auch die beiden Nebenwege am Fuß des Berges, die Werkheilig und Heuchler ins Verderben führten. „Gefährliche Wege sind’s,“ sprach er, „zwei Menschen büßten hier ihr Leben ein, als Christ vorbeizog. Und obschon, wie ihr seht, diese Wege seitdem mit Ketten, Pfählen und einem Graben abgesperrt und ganz und gar eingehegt sind, so gibt es doch noch Leute, die lieber auf ihnen ihr Heil versuchen, als daß sie sich die Mühe nehmen, den Hügel hinanzusteigen.“

Christin. Der Verächter Weg bringt Wehe (Spr. 13, 15). Mich wundert’s, daß jemand seinen Fuß noch auf einen solch halsbrecherischen Weg zu setzen wagt.

Mutherz. Und dennoch wagen sie’s. Ja, und wenn sich’s einmal zuträgt, daß einer von des Königs Dienern sie sieht und sie auf die Gefahren dieses falschen Weges aufmerksam macht, so antworten sie nur spöttisch und sprechen: „Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagst, wollen wir dir nicht gehorchen, sondern wir wollen tun nach allem dem Wort, das aus unserm Munde geht“ (Jer. 44, 16. 17).

Christin. Es sind träge Menschen, sie scheuen die Mühe, bergan zu steigen. So erfüllt sich an ihnen, was geschrieben steht: „Der Weg der Faulen ist dornig“ (Spr. 15, 19). Ja, sie wollen lieber in eine Schlinge gehen als diesen Berg hinauf und dann der himmlischen Stadt zu.

Sie begannen nun den steilen Pfad emporzuklimmen, aber noch ehe sie die Höhe erreicht hatten, fing Christin an zu keuchen und sprach: „In der Tat, das ist ein saures Stück, da hinaufzukommen. Es ist kein Wunder, daß die, welche ihre Bequemlichkeit lieber haben als ihr Seelenheil, sich einen angenehmern Weg erwählen.“ Barmherzig aber setzte sich ermüdet nieder, und Jakob, der jüngste Knabe, fing an zu weinen: „Kommt, kommt!“ rief ihnen Mutherz zu, „wir dürfen hier nicht rasten; noch ein paar Schritte, und wir sind in des Königs Laube!“ Damit nahm er den kleinen Knaben bei der Hand und führte ihn hinauf.

Bei der Laube angekommen, war es ihnen eine große Freude, sich hier niedersetzen zu dürfen, denn sie waren alle sehr erhitzt und müde. „Wie ist dem Müden die Ruhe so süß[180]!“ rief Barmherzig aus, „und wie gütig ist der König der Pilger, daß Er ihnen solche Ruheplätze bereitet! Von dieser Laube habe ich schon viel reden hören; aber laßt uns hier vor dem Schlaf uns hüten, denn, wie ich vernommen, ist er den armen Christ teuer zu stehen gekommen.“