Wachsam. Willst du nicht eintreten und bis zum Morgen bleiben?
Mutherz. Nein, ich will diese Nacht noch zu meinem Herrn zurückkehren.
Christin. O lieber Herr, ich weiß mich nicht darein zu fügen, wenn wir dich auf unsrer fernern Reise missen sollen. Du hast dich so treu und liebreich gegen uns erwiesen; du hast so wacker für uns gefochten und so manchen guten Rat erteilt, daß ich deine Güte gegen uns nie vergessen werde.
Barmherzig. O könnten wir doch dein Geleit bis an das Ende unsrer Reise haben! Wie sollen solch schwache Frauen, wie wir sind, auf einem so gefahrvollen Weg ohne Freund und Beschützer durchkommen?
„Ach Herr,“ bat auch Jakob, der jüngste unter den Knaben, „laß dich doch überreden, mit uns zu ziehen und uns zu helfen, denn wir sind so schwach, und der Gefahren sind so viele!“
Mutherz. Ich bin unter meines Herrn Befehl. Auf Sein Geheiß stehe ich euch gern zu Diensten bis ans Ende eurer Wallfahrt. Doch darin habt ihr es versehen, Ihn darum zu bitten, als Er mich bis hierher mit euch gehen hieß, Er würde euer Begehr erfüllt haben. So aber muß ich jetzt von euch Abschied nehmen. Und nun, liebe Christin, Barmherzig und ihr, meine wackern Knaben, lebt alle wohl!
Hierauf fragte der Pförtner Christin nach ihrer Heimat und Freundschaft. Sie sprach: „Ich komme aus der Stadt Verderben. Ich bin eine Witwe, denn mein Mann ist gestorben. Sein Name war Christ, der Pilger.“ — „Wie?“ fragte erstaunt der Pförtner, „war das dein Mann?“ — „Ja,“ erwiderte sie, „und das sind seine Kinder, und diese“ — auf Barmherzig weisend — „ist eine von meinen Landsleuten.“
Der Pförtner zog nun die Glocke, wie er in solchen Fällen zu tun pflegte, und alsbald erschien eine Jungfrau an der Tür, ihr Name war Demut. „Geh,“ sprach er zu ihr, „und sage drin, daß Christin, Christs Frau, und ihre Kinder auf ihrer Pilgerfahrt hier eingetroffen sind.“ Demut brachte diese Kunde ins Haus, und mit großer Freude kamen alle eilend zu dem Tor, wo Christin immer noch stand. Einige der Ältesten des Hauses sprachen zu ihr: „Komm herein, Christin, komm herein, du Frau des lieben Mannes, komm herein, du Gesegnete des Herrn, mit allen, die bei dir sind!“
Sie traten alle ein und wurden in ein großes Zimmer geführt, wo sie sich niedersetzten. Nun kamen auch die übrigen Glieder des Hauses, um die Gäste zu sehen und zu bewillkommnen. Als sie vernahmen, wer sie wären, grüßten sie dieselben mit einem Kuß und sprachen: „Seid willkommen, ihr Gefäße der göttlichen Gnade! Wir, eure Freunde, heißen euch herzlich willkommen!“
Inzwischen war es nun sehr spät geworden, und die Pilger, müde von ihrer Reise und der ausgestandenen Angst bei dem Kampf mit den schrecklichen Löwen, baten, sich zurückziehen zu dürfen.