Christin. Ja, du hast herzlich gelacht; aber bitte, Barmherzig, erzähle mir deinen Traum!
Barmherzig. Mir träumte, ich säße ganz allein an einem einsamen Ort und beweinte meines Herzens Härtigkeit. Bald darauf sammelte sich, wie mir schien, eine ganze Menge Menschen um mich her, die meinen Klagetönen zuhorchte. Etliche der Umstehenden verlachten mich, andre nannten mich eine Närrin, wieder andre fingen an, mich hin und her zu zerren. Über dem allem blickte ich auf und sah einen mit Flügeln auf mich zueilen. Er sprach zu mir: „Barmherzig, was fehlt dir?“ Als er nun meine Klage vernommen, sagte er: „Friede sei mit dir!“ Er trocknete auch meine Tränen und kleidete mich in Silber und Gold; er hängte eine Kette um meinen Hals und Ringe an meine Ohren und setzte eine schöne Krone auf mein Haupt (Hes. 16, 10-13). Hierauf nahm er mich bei der Hand und hieß mich ihm folgen. Wir kamen bald zu einer goldenen Pforte, die sich auf sein Anklopfen öffnete. Er trat ein, und ich folgte ihm bis zu einem Thron, auf dem einer saß, der zu mir sagte: „Willkommen, Meine Tochter!“ Der Ort war hell und strahlend wie die Sterne, ja leuchtend wie die Sonne. Mich dünkte auch, ich sähe dort deinen Mann. Da erwachte ich. Habe ich denn aber im Traum gelacht?
Christin. Über dieses dein herrliches Los konnte dein Mund auch wohl voll Lachens sein. Ja, du darfst versichert sein, daß dies kein gewöhnlicher Traum war, und wie du die erste Hälfte wahr befunden, so wird sich auch das übrige noch an dir erfüllen. „Denn auf mancherlei Weise redet Gott, nur achtet man’s nicht. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Leute fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet Er das Ohr der Leute“ (Hiob 33, 14-16). Es ist nicht nötig, daß wir wachen, wenn Gott mit uns reden will. Während wir schlafen, kann Er uns nahe treten und uns Seine Stimme hören lassen. Unser Herz wacht zuweilen, wenn wir schlafen, und Gott kann zu ihm reden entweder durch Worte oder durch Sprüche, durch Zeichen oder Bilder ebensogut, als wenn wir in wachem Zustand wären.
Barmherzig. Nun gut, ich bin über meinen Traum froh und hoffe, binnen kurzem ihn erfüllt zu sehen; dann werde ich erst recht lachen.
Christin. Ich denke, es wird hohe Zeit sein, hinunterzugehen, daß wir erfahren, was wir weiter zu tun haben.
Barmherzig. Aber nicht wahr, wenn sie uns einladen, eine Zeitlang hier zu bleiben, so laß uns ihr Anerbieten mit Freuden annehmen, damit wir mit diesen Jungfrauen noch besser bekannt werden. Weisheit, Gottesfurcht und Liebe haben es mir durch ihr liebliches und sittsames Wesen besonders angetan.
Christin. Es wird sich nun zeigen, was sie tun werden.
Also machten sie sich fertig und gingen hinunter, und man fragte sie, wie sie geruht hätten.
Barmherzig sprach: „Sehr gut! es war wirklich eine von den gesegnetsten Nächten meines Lebens.“
„Wenn wir euch zureden dürfen, eine Zeitlang hier zu verziehen,“ sagten Gottesfurcht und Weisheit, „so sollt ihr genießen, was unser Haus bietet.“