Bald kamen sie an eine Stelle, wo über die ganze Breite des Weges eine Grube aufgeworfen war; doch ehe sie sich anschicken konnten hinüberzugehen, überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis, so daß sie nichts vor sich sehen konnten. „Ach,“ riefen die Pilger aus, „was sollen wir nun tun?“
„Fürchtet euch nicht,“ sprach der Führer, „und wartet ruhig ab, bis uns auch aus dieser Not wird geholfen werden!“ Also blieben sie stehen, weil ihr Pfad versperrt war, und es war ihnen, als hörten sie nun um so deutlicher das Geschrei und Toben der Feinde. Auch das Feuer und der Rauch aus dem Abgrund konnten immer besser unterschieden werden.
„Nun sehe ich,“ sagte Christin zu Barmherzig, „wo mein armer Mann hat hindurchgehen müssen, und zwar ganz allein und das bei Nacht. Die höllischen Geister machten sich an ihn heran, als ob sie ihn in Stücke zerreißen wollten. Ich habe früher viel von diesem Tal der Todesschatten gehört; aber man kann es sich nicht recht vorstellen, bis man selber hineingekommen ist. Das Herz kennt sein eigen Leid, und in seine Freude kann sich kein Fremder mengen (Spr. 14, 10). Es ist schrecklich, hier zu sein.“
Mutherz. Hier ist’s, als wenn man mit großen Wassern zu kämpfen hätte und in die Tiefe hinunter müßte; es ist, als ob man auf dem Grund des Meeres säße oder in die Klüfte der Berge versänke, ja als ob die Riegel der Berge sich über uns für immer verschlossen hätten. Aber „die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint, die sollen hoffen auf den Namen des Herrn und sich verlassen auf ihren Gott“ (Jes. 50, 10). Was mich betrifft, so habe ich euch schon gesagt, daß ich des öftern durch dieses Tal gekommen bin und dabei viel Schwereres zu bestehen gehabt habe als jetzt, und doch stehe ich, wie ihr seht, noch vor euch. Es sei jedoch ferne von mir, mich zu rühmen, als allein dessen, der mich aus dem allem erlöst hat, und ich bin der guten Zuversicht, daß auch uns wird herrlich geholfen werden. Kommt, laßt uns den um Licht anrufen, der unsre Finsternis erleuchten kann und nicht nur dieses, sondern alle Teufel der Hölle daniederzuschlagen vermag.
Da schrien sie und beteten, und Gott sandte ihnen Licht und Rettung, so daß sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Doch sie hatten das Ende des Tales noch nicht erreicht und wurden durch den entsetzlichen Gestank und die widerlichen Gerüche, die hier entstanden, sehr belästigt.
„Wahrlich,“ sagte Barmherzig zu Christin, „das ist kein so angenehmer Aufenthaltsort wie an der Pforte oder bei dem Ausleger oder in unsrer letzten Herberge.“
„Gewiß,“ erwiderte einer der Knaben, „aber es ist immerhin noch nicht so schlimm hier durchzugehen, als hier zu bleiben. Und daß wir diesen Weg nehmen müssen, wird dazu dienen, daß uns unsre zukünftige Heimat um so lieblicher erscheinen wird.“
Mutherz. Ganz recht, Samuel, jetzt hast du wie ein Mann geredet.
„Ja, wenn ich von dannen wieder herauskomme,“ fuhr der Knabe fort, „werde ich wohl das Licht und einen guten Weg höher schätzen als je in meinem ganzen Leben.“
Mutherz. Wir haben nun den größten Teil dieses Tales hinter uns.