Redlich. Das will ich gern tun. Er sagte: „David, der Geliebte Gottes, hat eines andern Weib genommen; deshalb steht mir solches auch zu. Salomo hat mehrere Weiber gehabt; folglich kann ich es auch so halten. Sara und die gottesfürchtigen Wehmütter in Ägypten haben gelogen, durch eine Lüge hat sich auch Rahab am Leben erhalten; darum darf ich das auch tun. Die Jünger haben auf ihres Meisters Geheiß den Esel seinem Besitzer weggenommen, also ist mir solches auch erlaubt. Jakob hat den Segen der Erstgeburt bei seinem Vater durch List und Verstellung an sich gebracht, und deswegen kann ich auch so tun.“

Mutherz. Das sind allerdings starke Gründe. Aber war das wirklich seine Überzeugung?

Redlich. Ich habe diese Beweisführungen oft aus seinem Munde vernommen.

Mutherz. Das ist eine Behauptung, der man auch nicht die allergeringste Berechtigung zuerkennen darf.

Redlich. Du mußt mich recht verstehen. Er behauptete nicht, daß jeder das tun dürfe, sondern nur die, die auch solche Tugenden wie jene hätten.

Mutherz. Wie kann man nur einen solch falschen Schluß ziehen! Das ist geradeso, als wenn man spräche: Weil fromme Menschen aus Schwachheit gesündigt haben, deshalb sei es erlaubt, es aus Vorsatz und Mutwillen zu tun. Oder weil ein Kind durch einen starken Windstoß umgeworfen ward oder über einen Stein stolperte und hinfiel und sich im Kot beschmutzte, so dürfe man nun vorsätzlich sich hinlegen und wie ein Schwein sich im Kot wälzen. In solche Verblendung gerät man eben durch den Betrug der Sünde, und es muß sich erfüllen, was geschrieben steht: „Sie stoßen sich an dem Wort und glauben nicht daran, wozu sie auch gesetzt sind“ (1. Petr. 2, 8). Wenn jener die Tugenden der heiligen Männer zu besitzen glaubt, während er sich ihren Sünden ergibt, so ist dies keine geringere Täuschung als die erstere. Die Sünde des Volkes zu verschlingen[205], wie ein Hund den Kot aufleckt, ist kein Zeichen davon, daß man die Tugenden des Volkes Gottes besitzt. Und ich kann auch nicht glauben, daß einer, der dieser Meinung ist, zur selben Zeit im Glauben und in der Liebe steht. Nun, du wirst ihm gewiß kräftig widerstanden haben; was hat er dir darauf geantwortet?

Redlich. Er sagte: aus Überzeugung so zu handeln, scheine ihm bei weitem ehrlicher, als es zu tun und doch das Gegenteil zu glauben.

Mutherz. Das ist eine recht gottlose Antwort; denn gegen besseres Wissen und Gewissen den Lüsten die Zügel schießen zu lassen, kann doch nur schlecht genannt werden; aber noch ärger ist es, zum Sündigen ein Recht zu beanspruchen. Der eine bringt solche, die es sehen, ohne seinen Willen zu Fall, der andre sucht sie absichtlich zu Fall zu bringen.

Redlich. Es sind ihrer viele, die so denken, es aber nicht offen aussprechen wie er, und daher kommt es, daß das Pilgerleben heutzutage bei den Leuten in so geringer Achtung steht.

Mutherz. Was du sagst, ist leider nur allzu wahr; doch wer in der Furcht Gottes seine Straße zieht, wird dem allem entrinnen.