„O weh,“ rief Herr Redlich, „das ist eine schwere Aufgabe! schwer aufzulösen, aber noch schwieriger, in die Tat umzusetzen. Bitte, guter Wirt, übernimm du meine Rolle und löse das Rätsel auf; ich will hören, was du sagst.“
„Nein,“ versetzte Gajus, „es ist dir vorgelegt, und man erwartet von dir die Antwort.“
Da sagte der alte Redlich:
Wer da leben will, der sterbe;
Wer nicht stirbt, der lebet nicht.
Ehe denn das Fleisch verderbe,
Scheinet uns kein Gnadenlicht.
Gajus. Das ist richtig. Die Schrift und die Erfahrung bestätigen das; denn solange der Mensch sein eigenes Ich nicht in den Tod gibt, kann bei ihm das wahre Leben nicht zur vollen Ausgestaltung kommen. Und ebenso gewiß ist, daß ein Mensch kein lebendiges Denkmal der göttlichen Gnade sein kann, solange er noch in Ketten und Banden der Sünde gefangenliegt.
In solcher Unterhaltung saßen sie beieinander, bis der Tag anbrach. Als sich nun alle zur Morgenandacht versammelt hatten, hieß Christin ihren Sohn Jakob ein Kapitel aus der Bibel vorlesen. Und er las das 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Nachdem dies geschehen, fragte Redlich, warum es hier heiße, der Heiland werde „aus dürrem Erdreich“ kommen, und daß Er „keine Gestalt noch Schöne“ hatte.
Mutherz. Auf das erste antworte ich: Weil das Volk Israel, aus dem Christus kam, die Kraft und den Geist der Gottseligkeit fast gänzlich verloren hatte. Auf das zweite erwidere ich: Diese Worte sind vom Standpunkt derer gesprochen, die nicht glaubten; denn in ihrer Verblendung beurteilten sie unsern Herrn nach der Niedrigkeit Seiner äußern Erscheinung. Gerade wie diejenigen, welche nicht wissen, daß Edelsteine mit einer unscheinbaren Kruste umgeben sind; wenn sie einen solchen finden, werfen sie ihn wieder weg wie einen gewöhnlichen Stein, weil sie seinen Wert nicht erkennen.