Gajus sprach nun zu seinen Gästen: „Da ihr einmal hier seid und Mutherz ja ein erprobter Kämpfer ist, so laßt uns nach dem Frühstück sehen, ob wir nicht gemeinsam etwas Gutes ausrichten können. Etwa eine Meile von hier haust nämlich ein Riese namens Tugendfeind, der des Königs Straße in dieser Gegend unsicher macht. Ich weiß, wo sein Versteck ist. Er ist Anführer einer großen Räuberbande. Wie herrlich wäre das, wenn wir diesen Unhold unschädlich machen könnten!“

Alle willigten ein, und so zogen sie aus, Mutherz mit seinem Schwert, Helm und Schild, und die übrigen mit Speeren und Stangen bewaffnet. Als sie sich dem Aufenthaltsort des Riesen näherten, war dieser gerade daran, einen gewissen Kleinmütig, den seine Helfer zu ihm geschleppt hatten, auszuplündern, um ihn nachher zu verzehren; denn er war von Natur ein Menschenfresser. Sobald er nun Mutherz und seine Begleiter bewaffnet am Eingang der Höhle gewahrte, fragte er sie nach ihrem Begehr.

Mutherz. Dich wollen wir haben; denn wir sind gekommen, das Blut all der Pilger zu rächen, die du von des Königs Heerstraße weggeführt und erschlagen hast; darum komm heraus aus deiner Höhle!

Der Riese rüstete sich zum Kampf und trat hervor und focht mit Mutherz bei einer Stunde lang, bis ihnen der Atem ausging.

„Was habt ihr denn eigentlich auf meinem Grund und Boden zu tun?“ fragte Tugendfeind, als sie ein wenig innehielten.

Mutherz. Wie du ja schon weißt, sind wir gekommen, den Tod unsrer Brüder zu rächen.

Der Kampf begann aufs neue, und der Riese brachte Mutherz zum Weichen; aber er drang wieder vor und schwang sein Schwert so geschickt um des Riesen Kopf und Seite, daß diesem die Waffe aus der Hand fuhr. Schnell schlug er ihn zu Boden und hieb ihm das Haupt ab. Nach vollbrachter Tat kehrten sie mit dem Pilger Kleinmütig in die Herberge zurück. Auch das Haupt des Riesen nahmen sie mit und steckten es, wie sie es schon mit andern getan, auf einen Pfahl zum Schrecken für die, welche gleiche Gewalttaten versuchen wollten.

Kleinmütig mußte nun erzählen, wie er in Tugendfeinds Hände geraten sei, und er sprach: „Ich bin ein kränklicher Mann, wie ihr seht, und weil der Tod täglich an meine Tür klopfte, so dachte ich, es würde daheim mit mir doch nimmer besser werden. Deshalb wandte ich meiner Vaterstadt Ungewiß den Rücken und begab mich auf die Pilgerreise. Ich bin zwar nach Leib und Geist äußerst schwach, aber ich wollte doch gern, wiewohl ich nur kriechen kann, mein Leben als Pilgrim zubringen. An der Pforte zu Anfang dieses Weges nahm mich der Hausherr liebreich auf und machte mir keine Schwierigkeit weder wegen meines schwächlichen Aussehens noch wegen meines schwachen Gemütes, sondern er versah mich für die Reise mit allem Nötigen und hieß mich auf das Ende hoffen. Auch im Hause des Auslegers erfuhr ich große Freundlichkeit, und weil man den Berg der Beschwerde für mich als zu steil erachtete, so ward ich von einem Diener hinaufgetragen[215]. Wahrlich, ich habe viel Beistand und tröstliches Zureden von Pilgern erfahren, obwohl keiner so langsam gehen wollte, wie ich zu gehen genötigt war. In der Räubergasse nun trat mir dieser Riese entgegen und forderte mich Armen, Schwachen, der ich vielmehr einer Herzensstärkung bedurft hätte, zum Kampf auf. Er kam und schleppte mich in seine Höhle. Ich aber hoffte immer noch, aus seinen Händen zu entkommen; denn ich hatte gehört, daß nach den Gesetzen der Vorsehung kein Pilger, der gewaltsamerweise gefangengenommen wird, wofern sein Herz seinem Herrn völlig ergeben bleibt, durch die Hand seiner Feinde sterben darf. Geplündert zu werden erschien mir nicht als das Schlimmste, und wie ihr seht, bin ich ja mit dem Leben davongekommen, wofür ich dem Herrn, als meinem Erretter, und euch, als Seinen Werkzeugen, danke. Noch bin ich nicht aller Gefahr entronnen, neue Angriffe habe ich zu gewärtigen; aber ich bin entschlossen zu laufen, wenn ich kann; zu gehen, wenn ich nicht laufen kann, und zu kriechen, wenn die Beine mich nicht mehr tragen. Wiewohl ich, wie ihr seht, von gar schwachem Mute bin, so ist doch mein Angesicht fest auf das Ziel gerichtet, mein Herz weilt schon jenseits des Stroms, der keine Brücke hat. Dafür sei Ihm Preis, der mich geliebt hat!“

Der alte Redlich wandte sich nun mit der Frage an ihn: „Hast du nicht vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Pilgers, des Herrn Ängstlich, gemacht?“

Kleinmütig. Ei freilich habe ich ihn gekannt, er kam aus der Stadt Stumpfsinn, die vier Meilen nördlich von der Hauptstadt Verderben und ebenso weit von meinem Geburtsort entfernt liegt. Er war mein Oheim, meines Vaters Bruder. Er und ich waren so ziemlich gleicher Gemütsart; er war ein wenig kleiner als ich, sonst sahen wir uns im allgemeinen sehr ähnlich.