[220] Der Apostel schreibt: Den Schwachen bin ich geworden wie ein Schwacher, auf daß ich die Schwachen gewinne. Ich bin jedermann allerlei geworden, auf daß ich allenthalben ja etliche selig mache (1. Kor. 9, 22).
Neuntes Kapitel.
Die Zerstörung der Zweifelsburg und auf den lieblichen Bergen.
Kurz nachdem die Pilgerschar sich von ihren Freunden verabschiedet hatte, kamen sie zu dem Platz, wo Getreu den Tod erlitten hatte. Hier machten sie halt, und in tiefer Bewegung standen sie da, daran gedenkend, wie sein männliches Dulden nun auch ihnen zugute gekommen war, und sie dankten dem Herrn dafür, daß Er ihm die Kraft verliehen, Ihn mit solchem Tode zu preisen. — Sie setzten ihren Weg fort und sprachen davon, wie Hoffnungsvoll nach Getreus Tod sich zu Christ gesellte. Darüber gelangten sie bis an den Hügel Gewinn, wo Demas durch die Silbergrube von der Pilgerschaft abgezogen ward und wo auch Nebenwege vermutlich hineinfiel und umkam. Dies gab ihnen besonders zu denken. — Nicht weit davon entfernt, dem Hügel Gewinn gegenüber, stießen sie auf das alte Denkmal, die Salzsäule, die im Angesicht Sodoms und des Toten Meeres stand; da verwunderten sie sich, wie auch Christ vor ihnen, daß Männer von solcher Erkenntnis und Reife des Verstandes wie Demas und seine Gefährten im Anblick dieses Warnungszeichens so verblendet sein konnten, hier umzuwenden. Sie bedachten aber, daß die Menschen im allgemeinen sich durch den Schaden andrer nicht belehren lassen, besonders wenn etwas, wie hier die Silbermine, noch eine solche Anziehungskraft auf sie auszuüben vermag.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie an den Strom kamen, der diesseits der lieblichen Berge fließt. Das war der Strom, an dessen Ufer prächtige Bäume stehen, deren Blätter zur Gesundheit der Menschen dienen, wo die immergrünen Wiesen sind und man sicher ruhen kann (Ps. 23). An diesem Wasser waren auch Hütten und Hürden für die Schafe und ein Haus zur Aufnahme und Pflege der Lämmer, das sind die Kindlein der Frauen, welche die Pilgerfahrt angetreten haben. Da war auch einer, der ihrer wartete, der Mitleiden haben konnte mit ihrer Schwachheit (Hebr. 4, 15) und der diese Lämmer in Seine Arme sammelt und in Seinem Busen trägt und die Schafmütter führt (Jes. 40, 11). Christin riet ihren vier Schwiegertöchtern, ihre Kleinen der Obhut dieses Mannes anzuvertrauen, damit sie an diesen Wassern auferzogen, ernährt, gehegt und gepflegt würden und keines von ihnen verlorengehe. Wenn nämlich eines sich verirrt, so sucht Er es und bringt es wieder; Er verbindet das Verwundete und wartet des Schwachen (Hes. 34, 16). Sie erhalten guten Unterricht, und, was von großer Wichtigkeit ist, sie werden gelehrt, den richtigen Weg zu wandeln. Hier gebricht es ihnen niemals an Speise und Trank oder Kleidung. Es gibt da, wie ihr seht, klare Bäche, anmutige Wiesen, duftende Blumen und allerlei Bäume, deren Früchte nicht schädlich sind wie die aus Beelzebubs Garten, welche Matthäus aß, sondern die die Gesundheit der Menschen fördern und erhalten und in Krankheit als Heilmittel dienen. Hier sind sie auch sicher vor Dieben und Räubern, denn eher gibt dieser Mann Sein Leben hin, als daß Er eines Seiner Pflegebefohlenen umkommen läßt. Also waren sie es wohl zufrieden, ihre Kleinen Ihm zu übergeben, und das um so mehr, da der König dieses Haus zur Erziehung junger Kinder und Waisen hatte erbauen lassen.
Hierauf zogen sie weiter, und als sie bei der Abwegswiese den Steg erblickten, über den Christ und Hoffnungsvoll gingen und dem Riesen Verzweiflung in die Hände fielen, da machten sie halt und überlegten, ob sie es vereint nicht wagen dürften, den Riesen anzugreifen, die Burg zu schleifen und etwa darin gefangene Pilger zu befreien. Der eine sagte dies, der andre das. Einer trug Bedenken, seinen Fuß auf ungeweihten Boden zu setzen; ein andrer hielt dafür, daß man das wohl tun dürfe, wenn man dabei einen guten Zweck verfolge. Mutherz sprach sich dahin aus, daß man zwar der zuletzt aufgebrachten Meinung nicht unbedingt und allgemein beipflichten könne, „doch,“ fuhr er fort, „ist es meine Aufgabe, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu überwinden und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Und warum sollte dieser Riese sein Wesen ungestört weitertreiben dürfen? Ich will ihm nun das Handwerk legen und die Zweifelsburg zerstören! Wer von euch will mit mir ziehen?“ Alsbald traten der alte Redlich und die vier Söhne der Christin, die nun starke junge Männer waren[221], vor und sprachen: „Wir wollen mit dir dieses Werk ausrichten!“
Zerstörung der Zweifelsburg ([S. 306.]).