Zehntes Kapitel.
Über den bezauberten Grund und der Abruf aus dieser Welt.
Während sie noch also sprachen, kamen sie zu dem bezauberten Grund, wo die Luft die Wirkung hat, daß die Wanderer schläfrig werden. Diese Gegend war ganz mit Sträuchern und Dornen bewachsen bis auf einzelne Stellen wo bezauberte Lauben errichtet waren. Wenn ein Mensch in einer solchen sitzt oder schläft, so ist es fraglich — wie etliche sagen —, ob er jemals wieder in dieser Welt aufsteht oder erwacht. Durch dieses Gestrüpp nun mußte die Pilgerschar hindurch; Mutherz als Führer zog voran, Kämpfer-für-die-Wahrheit bildete die Nachhut, damit nicht etwa ein Feind oder Drache oder ein Riese oder Dieb ihnen in den Rücken falle und Unheil anrichte. Angesichts solcher Gefahren zogen die Männer ihre Schwerter, und im Gehen sprach einer dem andern Mut zu. Kleinmütig hielt sich dicht zu Mutherz, und Verzagt kam unter Kämpfers Obhut.
Noch waren sie nicht weit gekommen, da überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis dergestalt, daß eine geraume Zeit hindurch einer den andern nicht sehen konnte. Daher mußten sie die Verbindung untereinander durch gegenseitiges Zurufen zu erhalten suchen; denn sie wandelten nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7). Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen das Wandern sehr erschwert war, selbst für die Besten unter ihnen, wieviel mehr für die Frauen und Kinder, bei denen Herz und Fuß nur schwach und zart war. Doch gelang es ihnen, dank der aufmunternden Worte des Führers und Kämpfers, ohne Schaden hindurchkommen.
Der Weg war hier sehr mühsam und ging durch Schlamm und Morast. Auch traf man in dieser Gegend nicht ein einziges Gasthaus oder eine Herberge an, wo sich die Schwachen hätten erfrischen können. Hier hörte man keine andern Laute als solche des Keuchens, Stöhnens und Seufzens. Während der eine über einen Strauch stolperte, blieb der andre im Schmutz stecken, und die Kinder verloren ihre Schuhe im Schlamm. Bald schrie einer: „Ich bin gefallen!“ ein andrer: „Wo bist du denn?“ und der dritte: „Die Dornen halten mich so fest, daß ich nicht von der Stelle kann!“
Hierauf kamen sie zu einer Laube, welche warm war und den Pilgern große Erquickung zu verheißen schien. Oben war sie geschmackvoll zusammengeflochten, mit Zweigen schön geschmückt und unten mit Bänken und Stühlen versehen. Auch ein weiches Ruhebett stand darin, worauf die Müden sich legen konnten. Da die Pilger von dem sehr beschwerlichen Weg schon ganz ermattet waren, kann man sich denken, daß diese liebliche Laube für sie eine große Versuchung hätte werden können. Aber auch nicht ein einziger unter ihnen war, der dort auszuruhen wünschte, sondern sie gaben vielmehr genau acht auf die Winke und Befehle des Führers, der sie stets treulich auf die Gefahren aufmerksam machte. So ermannten sie sich und ermunterten sich gegenseitig zu der Verleugnung ihres Fleisches[228]. Diese Laube hieß Träge Ruhe und war in der Absicht erbaut worden, um müde Pilger anzulocken, dort zu ruhen.
Ich sah nun weiter in meinem Traum, daß sie an eine Stelle kamen, wo man leicht den Weg verlieren konnte. Bei lichtem Tage wäre der Führer über den rechten Weg nicht im Zweifel gewesen, doch in dieser Finsternis ward er ungewiß. Deshalb schlug er ein Licht an (denn er führte sein Feuerzeug[229] allezeit bei sich) und sah auf seiner Landkarte nach[230], da dort alle Wege nach und von der himmlischen Stadt verzeichnet standen. Diese Karte zeigte ihm nun, daß sie mehr nach rechts halten müßten, denn der angenehme Weg, den sie einschlagen wollten, führte in eine tiefe Schlammgrube, dazu angelegt, daß die Pilger darin umkommen sollten.
Da dachte ich bei mir selbst: Möchte doch niemand ohne eine solche Landkarte auf die Pilgerreise gehen, damit er darauf nachsehen kann, wann er über den richtigen Weg im Zweifel ist!
Nach kurzer Wanderung bemerkten sie dicht an der Landstraße eine zweite Laube. Darin fanden sie zwei Männer schlafend, nämlich Sorglos und Tollkühn. So weit waren diese beiden auf ihrer Pilgerfahrt gekommen; aber hier hatten sie sich, müde von dem beschwerlichen Weg, niedergesetzt, um ein wenig auszuruhen. Da die Pilger die gefährliche Lage dieser Schläfer erkannten, beratschlagten sie, ob sie an ihnen vorübergehen oder wenigstens einen Versuch machen sollten, sie aufzuwecken. Es war das letztere beschlossen. Mit großer Vorsicht traten sie hinzu, um ja nicht selber von den dargebotenen Genüssen Gebrauch zu machen, und riefen die Männer bei Namen. Aber da war keine Stimme noch Antwort. Der Führer rüttelte sie; da sprach der eine von ihnen: „Ich will dir bezahlen, wenn ich mein Geld kriege.“ — Mutherz schüttelte den Kopf. „Ich will fechten, solange ich mein Schwert in meiner Hand halten kann,“ murmelte der andre. Darüber lachte eins von den Kindern. „Was bedeutet das?“ fragte Christin. „Sie reden im Schlaf,“ gab der Führer zur Antwort, „ob ihr sie stoßt oder schlagt, werden sie euch allezeit auf diese Weise antworten. Sie sind jenem gleich, der vorzeiten oben auf dem Mastbaum schlief, und als die Wellen schon auf ihn eindrangen, sagte er: Wann will ich aufwachen, daß ich’s mehr treibe? (Spr. 23, 34. 35.) Ihr wißt ja, wenn Leute im Schlaf reden, so sagen sie alles mögliche; aber es besteht kein Zusammenhang in ihren Worten, auch werden dieselben weder durch den Glauben noch durch die Vernunft geleitet. Eines ist sicher, es bringt immer Unglück, wenn Pilger auf ihrer Reise unachtsam und sorglos werden. Zudem ist dieser bezauberte Grund für den Feind der Pilgrime eine der letzten Gelegenheiten, ihnen zu schaden; darum ist er auch, wie ihr seht, beinahe an das Ende des Weges gelegt, und er gewinnt dadurch um so leichter den Vorteil über uns. Denn zu welcher Zeit, denkt der Feind, werden jene Toren so sehr danach verlangen sich zu setzen, als wenn sie müde sind? Und wann würden sie müde sein, wenn nicht am Ende ihrer Reise? Daher kommt es, wie gesagt, daß dieser bezauberte Grund so nahe am Land der Vermählung liegt und am Ende ihres Laufes. Folglich müssen die Pilger hier doppelt wachen, daß es ihnen nicht geht wie diesen Männern.“