Als er nun hier oben stand, kamen ihm zwei Männer in großer Eile entgegengelaufen. Der eine hieß Furchtsam, der andre Mißtrauisch. Christ sprach zu ihnen:
„Was macht ihr, meine Herren; warum lauft ihr den verkehrten Weg?“
Furchtsam antwortete, daß sie auf der Reise nach der Stadt Zion gewesen und dazu diesen beschwerlichen Berg heraufgestiegen wären. „Aber,“ sagte er, „je weiter wir auf diesem Weg gekommen, desto größere Gefahren sind uns begegnet, deshalb kehren wir um und gehen nun zurück.“
„Ja,“ setzte Mißtrauisch hinzu, „gerade vor uns lagen ein paar Löwen im Weg. Ob sie schliefen oder wachten, wissen wir nicht. Wir konnten aber nicht anders denken, als daß sie uns in Stücke zerreißen würden, wenn wir in ihre Nähe kämen.“
„Ihr setzt mich in Schrecken!“ rief Christ den Fliehenden zu. „Wohin soll ich mich wenden, um sicher zu sein? Gehe ich zurück in meine Heimat, so komme ich dort gewiß um, da die Stadt Verderben ein Raub des Feuers und Schwefels werden soll. Erreiche ich aber die himmlische Stadt, so bin ich geborgen. Ich muß es wagen. Umkehren ist doch nichts andres als Tod und Verderben; vorwärtsgehen, da ist zwar Furcht des Todes, aber danach ein ewiges Leben. Wohlan, ich setze meinen Weg fort!“ Und so geschah’s. Mißtrauisch aber und Furchtsam liefen den Berg wieder hinunter.
Wie nun Christ seinen Weg weiterzog, fing er gleichwohl an über das nachzudenken, was jene zwei Männer ihm gesagt hatten. Im Bewußtsein der nahen Gefahr bedurfte er einer Stärkung und suchte deshalb nach dem Zeugnis. Er fühlte danach, aber siehe, er fand es nicht. Er suchte mit steigender Angst, aber vergebens! Er wußte zuerst gar nicht, was er anfangen sollte, denn es fehlte ihm ja gerade das, was ihm schon so oft zu großem Trost gewesen war. Und dieses Zeugnis sollte er ja an der himmlischen Pforte vorzeigen. Als er nun so ganz bestürzt und bekümmert dastand, fiel ihm endlich ein, daß er in der Laube geschlafen hatte[61]. Tiefe Reue erfüllte ihn, er fiel auf seine Knie und bat Gott, daß Er ihm diese Torheit vergeben möge. Darauf kehrte er wieder um, sein Zeugnis zu suchen.
Wer aber vermag die Betrübnis zu schildern, die Christ auf dem ganzen Rückweg im Herzen empfand! Bald seufzte er, bald weinte er, aber am meisten schalt er sich selbst wegen seiner Torheit, an jenem Ort, der nur zu einer kurzen Erholung von seiner Müdigkeit bereitet war, dem Schlaf sich überlassen zu haben. So ging er zurück, auf dem ganzen Weg sorgfältig bald auf die eine, bald auf die andre Seite blickend mit dem heißen Verlangen, den verlorenen Brief wiederzufinden. Er lief, bis er der Laube ansichtig wurde. Ihr Anblick aber erneuerte ihm seine Traurigkeit um so mehr, da er ihm zu Gemüte führte, wie er so übel getan, daß er dort geschlafen hatte.
„Ach, ich elender Mensch!“ rief Christ aus, „der ich schlafen konnte, da es noch Tag war[62]; der ich schlafen konnte, da ich in einer so gefährlichen Lage war; daß ich das zur Bequemlichkeit des Fleisches benutzte, was der Herr zur Erquickung des Geistes der Pilgrime bestimmt hat! Wie viele Tritte habe ich nun vergeblich getan! So ist es den Kindern Israel ergangen um ihrer Sünden willen; von den Grenzen Kanaans mußten sie zurückwandern zum Schilfmeer; ich nun muß mit Schmerzen diesen Weg zurücklegen, den ich hätte mit Freuden tun können, wenn ich mich nicht diesem sündlichen Schlaf hingegeben hätte. Wie weit könnte ich nun schon sein! Nun muß ich diesen Weg dreimal gehen, den ich sonst nur einmal hätte zu ziehen brauchen. Und nun überfällt mich auch noch die Nacht; denn der Tag hat sich schon geneigt. Ach, hätte ich doch nicht geschlafen!“
So erreichte er die Laube wieder, wo er erst eine Zeitlang saß und weinte. Endlich sah er sich bekümmert nach der Schrift um und erblickte sie unter der Bank; zitternd vor Verlangen ergriff er sie und steckte sie in seinen Busen. Wer kann die Freude des Pilgers beschreiben, da er sein Zeugnis wieder hatte! Es war ja die Versicherung seines Lebens und seiner Aufnahme in den ersehnten Hafen. Er dankte Gott, der ihm die Augen auf die rechte Stelle gelenkt, und mit Freudentränen machte er sich wieder auf den Weg.
So hurtig er jedoch den Berg hinaufstieg, so ging die Sonne doch unter, ehe er den Gipfel erreicht hatte; und aufs neue über die Sünde seines Schlafs trauernd, brach er in die Worte aus: „O du sündlicher Schlaf, um deinetwillen überfällt mich die Nacht! Ich muß wandern ohne das Licht der Sonne; Finsternis muß den Schritt meiner Füße bedecken; und ich muß das Schreien der geängsteten Kreaturen wegen meines Sündenschlafes hören!“ Jetzt gedachte er auch dessen, was Mißtrauisch und Furchtsam ihm erzählt hatten; wie sie sich vor dem Anblick der Löwen entsetzt hätten. Und so sprach er zu sich selbst: „Diese Tiere gehen des Nachts auf ihren Raub aus, wenn sie mir allhier im Finstern begegnen, wie sollte ich entkommen, daß ich nicht von ihnen in Stücke zerrissen werde?“