Ich sah dann, wie sie alle drei ihres Weges wanderten, ohne viel miteinander zu sprechen. Die beiden Männer sagten zu Christ: „Aber meine doch ja nicht, daß wir die Gesetze und Verordnungen weniger gewissenhaft beobachten als du. Nein, du hast durchaus nichts vor uns voraus als das Kleid, das du trägst, das dir, wie wir denken, einer deiner Nachbarn gab, um die Schande deiner Blöße zu decken.“

Aber Christ antwortete: „Durch Gesetze und Verordnungen werdet ihr, die ihr nicht durch die Pforte hereingekommen seid, nicht selig werden. Das Kleid, das ich trage, habe ich von dem Herrn des Orts empfangen, wohin ich gehe, und zwar, wie ihr recht saget, um meine Blöße zu decken, denn ich hatte vorher nichts als Lumpen, und so trage ich es als ein Zeichen Seiner besondern Güte gegen mich. Daneben ist mir dies sehr tröstlich auf meiner Pilgerschaft, denn ich denke: Wenn ich einmal zu den Toren der Stadt kommen werde, so wird der Herr mich gewiß anerkennen, weil ich mit Seinem Rock bekleidet bin, den Er mir an jenem Tage, da Er mich der Lumpen entledigte, aus freier Gnade schenkte. Überdies habe ich noch ein Zeichen an meiner Stirn, darauf ihr vielleicht noch nicht geachtet habt, welches mir von einem der Vertrautesten meines Herrn an eben dem Tag, da mir die Last von den Schultern fiel, aufgedrückt wurde. Dazu kann ich euch noch sagen, daß Er mir damals ein besiegeltes Zeugnis gab, das mich, so oft ich es lese, trösten wird auf dem Weg, den ich wandle. Auch ist mir befohlen, solches an der himmlischen Pforte abzugeben, daß ich gewiß hineingehen darf. Ich bezweifle, daß ihr eins von diesen Dingen habt. Ihr könnt sie nicht haben, weil ihr nicht zur Pforte hereingekommen seid.“

Auf dies alles aber gaben sie keine Antwort, sondern sahen einander an und lachten. Unterdessen gingen sie miteinander weiter, Christ war ihnen jedoch allezeit etwas voraus. Er sprach nur noch mit sich selbst, bald mit Seufzen und bald mit getrostem Mut; auch las er oft in dem Zeugnis, das ihm jenes leuchtende Wesen gegeben hatte, wodurch er sehr erquickt ward.

Die drei Wanderer erreichten nun den Berg der Beschwerde, wo der schmale Weg steil bergan führte, während zur Rechten und zur Linken breite Wege sich bequem in der Ebene hinzogen. Christ war keinen Augenblick in Zweifel, welchen Weg er zu nehmen habe; er trank aus der Quelle[59], die am Fuß des Berges hervorsprudelte, und stieg singend den Berg hinan:

Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil,

Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil.

Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts,

Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.

Die andern beiden kamen unterdessen auch an den Fuß des Berges, sie konnten sich jedoch nicht entschließen, einen so beschwerlichen Weg zu nehmen, zumal da man hier zwei andre bequeme Wege zur Auswahl hatte, die, wie sie hofften, mit dem Weg, auf dem Christ wandelte, zusammentreffen würden. Der eine Weg hieß Gefahr, der andre Verderben. Nun trennten sich die beiden Wanderer, der eine wählte den Weg der Gefahr, der ihn in einen undurchdringlichen Wald führte; der andre betrat den Weg des Verderbens, auf dem er in finstere Gebirge hineingeriet, wo er strauchelte und fiel und nie wieder aufstand[60].

Als ich meine Blicke wieder Christ zuwandte, sah ich, wie er den Berg hinauflief; aber vom Laufen kam er bald zum Gehen und vom Gehen zum Klettern auf Händen und Knien, denn der Weg wurde immer steiler. Sehr erwünscht war es ihm, als er etwa in halber Höhe des Berges eine anmutige Laube bemerkte, die vom Herrn des Berges zur Erquickung der müden Wanderer allda errichtet worden war. Darein trat Christ und setzte sich nieder, etwas auszuruhen. Wie er so dasaß, zog er sein Zeugnis aus seinem Busen und las zu seiner Stärkung darin. Er betrachtete auch eine Weile mit Wohlgefallen sein Gewand, das er erhalten, als er beim Kreuz gestanden. Endlich versank er in einen tiefen Schlaf, wobei ihm das Zeugnis aus der Hand fiel. Schon hatte sich der Tag geneigt, als ihn jemand aufweckte und ihm zurief: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!“ (Spr. 6, 6) Beschämt fuhr er auf, eilte hinweg und hielt in seinem Lauf nicht mehr inne, bis er die Spitze des Berges erreicht hatte.