Pförtner. Aber warum kommst du so spät? Die Sonne ist ja schon untergegangen.

Christ. Ich wäre schon eher gekommen, wenn ich elender Mensch nicht in der Laube, die an der Seite des Berges steht, eingeschlafen wäre. Ja, ich wäre gleichwohl noch früher hier gewesen, aber ich verlor im Schlaf mein Zeugnis. Ich war schon auf dem Gipfel des Berges, da ich es erst vermißte, und so war ich genötigt, mit betrübtem Herzen zu dem Ort zurückzugehen, wo ich geschlafen hatte. Da fand ich endlich wieder, was ich verloren hatte, und so bin ich denn jetzt hier angekommen.

„Wohlan,“ sagte der Pförtner, „ich werde eine von den Jungfrauen dieses Hauses rufen, die dich, wofern ihr deine Aussage genügt, nach der Sitte unsers Hauses bei den übrigen Gliedern der Familie einführen wird.“ Der Pförtner Wachsam schellte, und sogleich erschien Einsicht, eine edle Jungfrau, an der Haustür und fragte, was man verlange.

„Dieser Mann,“ sagte der Pförtner, „ist auf der Reise von der Stadt Verderben nach dem Berg Zion, aber da er müde ist und die Dunkelheit ihn überfallen hat, so wünscht er hier zu übernachten. Ich sagte ihm, ich wollte dich rufen. So möge es dir belieben, mit ihm selber zu reden und danach zu tun, was dich nach den Regeln unsers Hauses gut dünkt.“

Sie fragte ihn, von wannen er komme und wohin er wolle, auch wie er auf diesen Weg gekommen, was er auf dem Weg gesehen und was ihm begegnet wäre. Er beantwortete all diese Fragen und erzählte seine Erlebnisse. Endlich erkundigte sie sich auch nach seinem Namen. Er heiße Christ, gab er zur Antwort, und seine Freude, hier übernachten zu dürfen, sei um so größer, weil er erfahren, daß dieses Haus von dem Herrn des Berges zur Erquickung und Sicherheit der Pilger erbaut sei.

Da lächelte sie, wobei aber ihre Augen feucht wurden, und sie sprach nach einer kurzen Pause: „Ich will noch zwei oder drei von meinen Hausgenossen herbeirufen.“ Hierauf eilte sie zur Tür und rief Weisheit, Gottesfurcht und Liebe heraus. Diese nun führten ihn nach einer kurzen Unterredung bei den übrigen Familiengliedern ein. Manche von ihnen kamen und hießen ihn schon auf der Schwelle des Hauses willkommen und sprachen: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! (1. Mos. 24, 31.) Dies Haus ist von dem Herrn des Berges in der Absicht erbaut, um Pilger, wie du einer bist, darin zu bewirten.“ Da verbeugte er sich und folgte ihnen nach ins Haus. Als er eingetreten war und sich niedergesetzt hatte, reichten sie ihm einen Labetrunk und beschlossen, die Zeit, während das Abendbrot bereitet würde, zur gegenseitigen Erbauung zu benützen. Gottesfurcht, Weisheit und Liebe wurden dazu ausersehen, und so entspann sich folgendes Gespräch:

Gottesfurcht. Also, lieber Christ, da wir nun einmal die Freude haben, dich für diese Nacht in unserm Haus zu beherbergen, so laß uns, um die Zeit recht auszukaufen, zu unser aller Nutz und Frommen von dem sprechen, was du auf deiner Pilgerfahrt bisher erfahren hast.

Christ. Von Herzen gern! Wie wohl tut mir eure Teilnahme an meinem Ergehen!

Gottesfurcht. Was hat dich zuerst bewogen, solch ein Pilgerleben zu erwählen?

Christ. Ich ward durch einen Mark und Bein durchdringenden Warnungsruf, der an mein Ohr drang, aus meiner Vaterstadt vertrieben. Ich hörte nämlich von dem unvermeidlichen Verderben, das mich treffen würde, wenn ich daselbst verbliebe.