Christ. Ja, mit heißem Flehen; denn du mußt wissen, daß meine Frau und meine armen Kinder mir sehr teuer waren.

Liebe. Entdecktest du ihnen auch deine Traurigkeit, deine Furcht vor dem Untergang? denn der Untergang eurer Stadt stand dir wohl deutlich genug vor Augen.

Christ. Ja, nur allzu deutlich. Sie sahen mich trostlos weinen und zittern vor den Gerichten, die über unserm Haupt schwebten; aber dies alles bewog sie nicht, mit mir zu fliehen.

Liebe. Aber was hatten sie denn einzuwenden, daß sie nicht mit dir gingen?

Christ. Was soll ich sagen? Meine Frau fürchtete, diese Welt zu verlieren, und meine Kinder waren den törichten Lüsten der Jugend ergeben; so ließen sie sich bald durch dieses, bald durch jenes zurückhalten, und ich mußte allein gehen.

Liebe. Hast du sie etwa durch ein eitles Leben abgeschreckt, deinen Ermahnungen zu folgen?

Christ. Ich kann zwar mein Leben nicht loben, denn ich bin mir manches Fehltritts bewußt. Ich weiß auch, daß ein Mensch durch seinen Wandel leicht niederreißen kann, was er durch heilsame Lehren und ernste Vorstellungen in andern zu ihrem Besten aufzubauen trachtet. Aber das darf ich sagen: ich hütete mich auf das äußerste, irgend etwas Unziemliches zu tun, was sie von dieser Reise hätte abhalten können. Ja, eben deshalb sagten sie, ich sei allzu ängstlich und entsage manchem, worin sie nichts Übles sehen könnten. Wenn sie irgend etwas an mir zurückgeschreckt hat, so war es meine große Furcht, wider Gott zu sündigen oder meinem Nächsten irgendein Unrecht zu tun.

Liebe. Allerdings, so ist es schon von alters her gewesen, denn Kain erwürgte seinen Bruder, weil seine Werke böse waren, und die seines Bruders gerecht (1. Joh. 3, 12); und wenn deine Frau und deine Kinder daran Anstoß genommen haben, so zeigen sie, daß sie sich nicht mit Gott versöhnen lassen wollen, und deine Seele ist rein von ihrem Blut[64].

Unter solchen Gesprächen war die Zeit des Abendessens herbeigekommen, zu welchem Christ mit viel Liebe eingeladen wurde. Es war eine Tafel mit auserlesenen Gerichten und reinem Wein, darin keine Hefe war[65], und alle Reden, die sie über Tisch führten, handelten von dem Herrn des Berges, nämlich, was Er getan, warum Er solches getan, und zu welchem Zweck Er dies Haus erbaut habe. Aus dem, was sie sagten, konnte ich merken, daß Er ein großer Kriegsheld gewesen und mit dem gestritten und den überwunden, der des Todes Gewalt hatte[66], jedoch nicht ohne eigene große Gefahr. „Darum habe ich Ihn auch,“ sagte Christ, „desto lieber. Denn wie ich’s sagen höre und wohl glaube, so hat Er es getan, indem Er dabei Sein kostbares Blut vergoß. Was aber alle Seine Werke der Gnade mit Herrlichkeit krönte, ist, daß Er solches aus reiner Liebe zu den Menschen tat.“

Überdem waren einige unter den Hausgenossen, die Ihn gesehen und mit Ihm geredet hatten, seit Er am Kreuz gestorben war; und diese hatten es aus Seinem eigenen Mund vernommen, daß Er den armen Pilgern mit solcher Liebe zugetan wäre, wie sie vom Aufgang bis zum Niedergang nicht gefunden werde. Dazu gaben sie auch einen Beweis für das, was sie behaupteten, nämlich, daß Er sich zum Heil der Armen selbst entäußert habe Seiner Herrlichkeit[67], und daß sie Ihn hätten sagen hören, Er wolle nicht allein wohnen auf dem Berg Zion[68]. Ja, sie fügten noch dies bei, daß Er viel Pilger zu Fürsten gemacht, obwohl sie von Natur als Bettler geboren waren und ihr Anfang und Ursprung nur Staub war[69].