Völlig trostlos war er eine beträchtliche Strecke gegangen, als er auf einmal eine menschliche Stimme vor ihm die Worte sagen hörte: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir“ (Ps. 23, 4). Darüber ward er sehr froh, und zwar aus folgenden Gründen:

1. weil er daraus schließen konnte, daß auch noch andre, die den Herrn fürchteten, ebensowohl wie er in diesem Tal wären;

2. weil er um so mehr erkennen konnte, daß Gott mit ihnen sei auch in dieser Finsternis, in diesem Elend. „Warum,“ sagte er sich, „sollte Er nicht gleichfalls mit mir sein, ob ich es wohl nicht spüre[82]?“

3. weil er nun hoffen durfte, bald einen Gefährten zu finden, sobald er ihn nur eingeholt haben werde.

So ging er denn weiter und rief dem Wanderer nach, der vor ihm ging. Der wußte aber nicht, was er antworten sollte, da er sich gleichfalls einsam glaubte. Allmählich brach der Tag an, und Christ lobte den Herrn: „Er hat aus der Finsternis den Morgen gemacht!“ (Amos 5, 8.)

Als es nun völlig Tag geworden war, konnte er sich nicht enthalten, sich doch einmal nach den Gefahren umzusehen, durch die er in der Finsternis gegangen war. Jetzt erkannte er erst die Tiefe des Abgrunds auf der einen und den bodenlosen Sumpf auf der andern Seite. Er sah nun auch, welch ein schmaler Pfad zwischen beiden hindurchführte. In weiter Ferne erblickte er noch die Kobolde, Feldteufel und Drachen des Abgrunds; denn bei des Tages Anbruch kamen sie nicht in seine Nähe, allein sie wurden ihm doch offenbar, wie geschrieben steht: „Er öffnet die finstern Gründe und bringt heraus das Dunkel an das Licht“ (Hiob 12, 22).

Mit tiefer innerer Bewegung sah er sich aus den Gefahren dieses schauerlichen Weges, denen er ausgesetzt war, errettet. Nun ging auch die Sonne auf — eine neue große Gnade für Christ! Denn war der erste Teil des Tales schon gefahrvoll gewesen, so war der zweite womöglich noch gefährlicher. Von hier bis zum Ende des Tales waren den Pilgern so viele Fallstricke, Netze und Schlingen gelegt, es waren so viele tiefe Löcher, Gruben und schlüpfrige Stellen auf dem Weg, daß es unmöglich gewesen wäre, im Finstern durchzukommen, und hätte er tausend Leben gehabt, er hätte sie alle verloren. Aber nun ging die Sonne auf, und Christ rief frohlockend: „Seine Leuchte scheint über meinem Haupt, und bei Seinem Lichte gehe ich in der Finsternis“ (Hiob 29, 3).

In diesem Lichte erreichte er das Ende des Tales. Da lagen Gebeine, Asche und verstümmelte Menschenleiber — alles von Pilgern, die in frühern Zeiten den gleichen Weg gezogen waren. Während ich darüber nachsann, was doch dies bedeuten möchte, bemerkte ich unweit davon eine Höhle, in der früher ein gewaltiger Riese, namens Heide[83], und jetzt ein andrer Riese, Papst mit Namen, hauste, welche durch ihre Gewalt und Tyrannei die Pilger grausam getötet hatten, wovon noch deren Blut, Gebeine und Asche zeugten.

Zu meinem Erstaunen kam Christ jedoch ohne große Gefahr dort glücklich vorbei; denn Heide war ja schon seit langem tot, und obwohl der andre noch am Leben war, so war er wegen seines hohen Alters und der mancherlei heftigen Anfälle, die er in den jüngern Jahren erlitten, so siech und schwach geworden, daß er jetzt kaum etwas andres zu tun vermochte, als am Eingang seiner Höhle zu sitzen und hinter den vorüberziehenden Pilgern zähneknirschend und Verwünschungen murmelnd die Faust zu schütteln, aus Ärger, weil er nicht mehr fortkommen konnte.

Christ ging also unbehelligt seinen Weg, wußte aber nicht, was er von dem alten Mann, der da in der Höhle saß, denken sollte, und zwar um so weniger, als er ihm zurief: „Ihr werdet nicht eher klug werden, bevor eurer noch viel mehr verbrannt werden.“ Christ aber schwieg still, schaute ihn beherzt an und ging, ohne daß ihm etwas widerfuhr, an ihm vorbei, indem er sang: