„Wir waren schon beinahe im Tal der Todesschatten,“ sagten sie, „aber zum Glück sahen wir vor uns hin und entdeckten die Gefahr.“

Christ fragte: „Was habt ihr denn da gesehen?“

Sie sprachen: „O das Tal selbst ist schwarz wie die Nacht; Gespenster, Feldteufel und Drachen des Abgrunds schwärmen da herum; man hört ein beständiges Geschrei und Geheul wie von vielen Tausenden, die in Ketten und Banden liegen[77]; finstere Wetterwolken verbergen den Himmel, und ohne Unterlaß breitet der Tod seine Fittiche darüber aus. Kurz, es ist ein wahrer Schreckensort, in dem alles wüst durcheinanderliegt[78].“

„Durch all das, was ihr da sagt,“ versetzte Christ, „wird es mir zur Gewißheit, daß dies eben der Weg ist, der zum Lande des Friedens führt[79].“

„Nun, mag es auch der deine sein, unser Weg ist es nicht!“ Mit diesen Worten eilten sie zurück, und Christ ging mit gezücktem Schwert voran in der Erwartung eines plötzlichen Angriffs.

Ich sah nun in meinem Traum, daß sich zur rechten Seite des Tales ein tiefer Abgrund entlangzog, derselbe, in welchen zu allen Zeiten ein Blinder den andern gestürzt hat und beide elend umgekommen sind. Links aber war ein gefährlicher Pfuhl voller Schlamm und Morast, in welchem selbst ein guter Mensch, wenn er hineinfällt, keinen Grund finden kann. Das ist der, darein König David versank, und er würde ohne Zweifel darin umgekommen sein, wenn nicht der, der da mächtig ist, ihn herausgezogen hätte[80].

Was Christ besonders ins Gedränge brachte, war, daß der Weg hier so schmal wurde, daß man kaum den Sumpf vermeiden konnte, ohne in den Abgrund zu stürzen, und hinwiederum, wollte er sich vor dem Abgrund hüten, so stand er in Gefahr, in den Schlamm zu geraten; außerdem umgab ihn eine so dichte Finsternis, daß er oft nicht wußte, wohin er seinen Fuß setzen sollte. So ging Christ bekümmert fort, und ich hörte ihn ganz kläglich seufzen.

In der Mitte des Tales öffnete sich der Schlund der Hölle und spie, furchtbar brausend, Feuer und Rauch aus. Was sollte Christ hier beginnen? Das Schwert konnte ihn diesmal nicht retten; er mußte es in die Scheide stecken und eine andre Waffe ergreifen: die Waffe des anhaltenden Gebets[81]. So hörte ich ihn schreien: „O Herr, errette meine Seele!“ (Ps. 116, 4.) So ging er eine große Strecke weiter, während die Feuerflammen ihn umzischten und bald ein herzzerreißendes Klagegeschrei, bald ein entsetzliches Brausen in seine Ohren schallte. Oft meinte er, jetzt solle er in Stücke zerrissen oder wie Kot auf der Gasse zertreten werden.

Plötzlich war es ihm, als ob er von einer ganzen Schar von Feinden verfolgt würde. Da stand er eine Weile still und erwog, was zu tun sei. Sollte er umkehren oder nicht? Aber er bedachte, daß er doch wohl schon die Hälfte dieses furchtbaren Tales zurückgelegt haben müsse, und erinnerte sich daran, wie mancher Gefahr er nun schon siegreich begegnet sei, und, sagte er sich, ist nicht vielleicht der Rückweg noch gefährlicher als der vor mir liegende Teil. — Er beschloß, vorwärts zu gehen. Die Feinde rückten näher und näher heran; sie hatten ihn beinahe erreicht, als er plötzlich mit gewaltiger Stimme ausrief: „Ich gehe einher in der Kraft des Herrn Herrn!“ (Ps. 71, 16) — und die Feinde entflohen für immer.

In dieser ganzen Zeit war Christ so bestürzt, daß er seine eigene Stimme nicht mehr erkannte. Als er am Schlund des feurigen Pfuhles vorüberging, schlich ihm ein Bösewicht nach und raunte ihm abscheuliche Lästerungen ins Ohr. Er hielt dies für die Stimme seines eigenen Herzens, und da er nun den gelästert zu haben meinte, an dem sonst seine ganze Seele hing, so versetzte ihn dies in die tiefste Betrübnis. So gern er diese Lästerstimme zum Schweigen gebracht hätte, so wenig vermochte er es. Aber es fehlte ihm an der rechten Besonnenheit, sich die Ohren zuzuhalten, da er sich des Ursprungs jener Lästerungen nicht bewußt war.