„Ich freue mich sehr,“ sprach der Evangelist, „nicht daß ihr mit so vielen Versuchungen zu kämpfen hattet, sondern daß ihr als Sieger bestanden seid, und daß ihr, ungeachtet mancher Schwachheit, euren Weg bis auf diesen Tag fortgesetzt habt. Ja, ich freue mich sehr um meinet-, sowie um euretwillen. Ich habe gesät, und ihr habt geschnitten, und es kommt der Tag, daß, wenn anders ihr beharrt bis ans Ende, beide, der da sät und der da schneidet, sich miteinander freuen werden (Joh. 4, 36); denn zu seiner Zeit werdet ihr ernten, so ihr nicht müde werdet (Gal. 6, 9). Die Krone wird euch vorgehalten; die unverwelkliche Krone des Lebens; so laufet nun also, daß ihr sie ergreifet! (1. Kor. 9, 24.) Manche treten in die Laufbahn, und nachdem sie eine Weile gelaufen, kommt ein andrer ihnen zuvor und nimmt ihre Krone hinweg. Haltet darum, was ihr habt, daß niemand eure Krone nehme! (Offenb. 3, 11.) Noch habt ihr den Kampf mit dem Argen nicht ausgekämpft; ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Laßt das Himmelreich euch immer vor Augen sein und glaubt festiglich an die unsichtbaren Dinge! Laßt nichts von alledem, was von dieser Welt ist, bei euch Eingang finden! Vor allem wachet wohl über euer eigenes Herz und seine Begierden, denn das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Macht euer Angesicht wie einen Kieselstein; denn alle Gewalt im Himmel und auf Erden steht euch zur Seite.“
Christ dankte für diese Ermunterung. „Wie würden wir uns freuen,“ sprach er, „wenn du uns auf unserm Weg auch fernerhin behilflich sein würdest und uns zusprächest; und weil du, wie wir wohl wissen, ein Prophet bist, so sage uns doch, was für Gefahren uns noch bevorstehen und wie wir sie überwinden können!“ Getreu stimmte von ganzem diese Bitte ein, und der Evangelist sprach zu ihnen:
„Meine Söhne, ihr wißt aus dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, daß ihr durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müßt (Apostelg. 14, 22) und daß Bande und Trübsal allerorten euer warten (Apostelg. 20, 23). Darum dürft ihr nicht erwarten, daß ihr auf eurem Pilgerweg lang ohne Trübsal irgendeiner Art bleiben werdet. Ihr habt bereits die Wahrheit dieser Zeugnisse erfahren, und es wird sogleich noch mehr folgen. Ihr seid beinahe aus dieser Wildnis heraus und werdet nun in eine Stadt kommen, wo die Feinde euch sehr bedrängen, ja euch nach dem Leben stehen werden, und ohne Zweifel wird wenigstens einer von euch das Bekenntnis dessen, an dem ihr haltet, mit seinem Blut besiegeln; aber seid getreu bis an den Tod, so wird der König euch die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Welcher von euch beiden hier stirbt, wenn auch eines gewaltsamen Todes und vielleicht unter furchtbaren Qualen, dem ist doch das bessere Los zugefallen als seinem Gefährten, denn er darf eher in die himmlische Stadt eingehen und entgeht vielen Gefahren, die dem andern bevorstehen. Wenn ihr nun dermaleinst in die Stadt kommt und sich an euch erfüllt, was ich euch zuvor gesagt, so gedenkt an euren Freund! Seid nun männlich und seid stark und befehlet Gott eure Seelen als dem treuen Schöpfer in guten Werken!“ (1. Petr. 4, 19.)
Ich sah in meinem Traum, daß sich, sobald sie am Ende der Wüste waren, vor ihnen eine Stadt ausbreitete mit Namen Eitelkeit. Das ganze Jahr hindurch wird hier ein Markt abgehalten — wohlbekannt unter dem Namen Eitelkeitsmarkt. Er heißt so, weil die Stadt, darin er gehalten wird, weniger wiegt als nichts[98] und weil alles, was dahin kommt und dort feilgehalten wird, nichts denn Eitelkeit ist nach den Worten des Weisen: „Es ist alles ganz eitel!“ (Pred. 1, 2)[99] Dieser Markt ist nicht eine Einrichtung neuerer Zeit, er besteht schon sehr lange. Laß mich dir etwas von seiner Entstehung erzählen.
Es sind nun ungefähr fünftausend Jahre her, da wanderten auch Pilgrime, gleich diesen beiden redlichen Männern, nach der himmlischen Stadt; und da Beelzebub, Apollyon und Legion mit seinen Genossen merkten, daß ihr Weg durch diese Stadt führte, beschlossen sie, hier einen Markt einzurichten, wo das ganze Jahr hindurch alle Arten von Tand feilstehen sollten, wie Häuser, Ländereien, Gewerbe, Ämter, Würden, Beförderungen, Titel, Landschaften, Königreiche, Lustbarkeiten, Vergnügungen und Genüsse aller Art, wie Dirnen, Weiber, Gatten, Kinder, Herrschaften, Dienstboten, Leben, Blut, Leiber und Seelen, Silber, Gold, Perlen, Edelsteine und wer weiß was noch alles! Ja, noch mehr, auf diesem Jahrmarkt sind allezeit zu sehen Gaukeleien, Betrügereien, Glückspiele, Schauspiele, Narrenteidinge, Affen, Schelme und Schurken und allerlei derart. Ferner gibt’s, und alles umsonst, zu sehen Diebereien, Mordtaten, Ehebruch, Meineide, sämtlich in blutroter Farbe.
Und wie man es schon auf unbedeutenden Jahrmärkten antrifft, daß man bestimmte Waren in bestimmten Straßen haben kann, so hat man auch hier gewisse Plätze, Straßen und Gassen — das sind die verschiedenen Länder und Reiche —, wo die Waren dieses Jahrmarktes am leichtesten zu bekommen sind. Es gibt hier eine englische Straße, eine französische, eine italienische, eine spanische, eine deutsche, und in jeder werden bestimmte Arten von Eitelkeiten vorzugsweise verkauft. Und gleichwie auf andern Märkten etwas ist, was der wichtigste und hauptsächlichste Artikel ist, so fanden auf diesem Markt die Waren aus Rom besonders starken Absatz. Nur die Engländer und etliche andre Völker haben keinen großen Gefallen daran.
Mitten nun durch die Stadt, wo dieser Jahrmarkt gehalten wird, geht der Weg zur himmlischen Stadt; und wer also nach dem Berg Zion reisen und nicht hier durch diese Stadt ziehen wollte, der müßte die Welt räumen (1. Kor. 5, 10)[100]. Selbst der Herr der Herrlichkeit, da Er auf Erden wandelte, mußte den Weg zu Seinem eigenen Land durch diesen Ort nehmen, und zwar gerade an einem Markttag. Beelzebub, der Vorsteher des Jahrmarkts, lud Ihn ein, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen, ja Er sollte alles zum Geschenk haben, wenn Er ihm Ehre erweisen wollte. Und weil Er von so hoher Abkunft war, führte Ihn der Satan von Straße zu Straße und zeigte Ihm in kurzer Zeit alle Reiche der Welt, ob der Hochgelobte nicht zu bewegen wäre, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen. Aber der Herr hatte nicht Gefallen an dieser Ware; Er verließ die Stadt, ohne auch nur einen Heller an eine dieser Eitelkeiten verwandt zu haben. (Lies Matth. 4, 1-11.) Dieser Markt also besteht seit uralter Zeit und ist sehr groß.
Die Pilger nun mußten, wie gesagt, notwendig über diesen Jahrmarkt kommen. Kaum hatten sie die ersten Schritte in die Stadt getan, als alle Marktleute, ja die ganze Einwohnerschaft sich erregte und mit großem Tumult auf sie zuströmte, und das aus verschiedenen Gründen.
Die Pilger auf dem Eitelkeitsmarkt ([S. 112.]).