Wenn man ihn vergaß—er hatte nichts vergessen. In der ganzen
deutschen Schwimmerwelt gab es keinen, der mit schärferem Auge alle
Vorgänge in ihr verfolgte, keinen, der mit größerer Hast nach den
Berichten griff, als Franz Felder. Kein Ereignis von irgendwelcher
Bedeutung entging ihm. Er las alle Zeitschriften, die irgendwie in
Betracht kamen; er war unterrichtet über alle Veranstaltungen und
über den Verlauf einer jeden. Kein neuer Name blieb ihm fremd, kein
Sieg von irgendwelcher Bedeutung unbekannt.
Es wurde seine Beschäftigung, an manchen langen, einsamen Abenden die
Sportszeitschriften durchzusehen, alte und neue, und Vergleiche über
Vergleiche anzustellen zwischen dem, was geleistet wurde und
geleistet war—von ihm selbst.
Er wurde innerlich immer sicherer.
Als das erste große Sommerschwimmen des Berliner Schwimmbundes herannahte, drängte es ihn mit Macht zur Beteiligung. Aber er bezwang sich und dachte an den Schwur, den er sich selbst in jener Nacht der Verzweiflung getan.
Nein, er wollte nicht!—Was er tun wollte—nicht Berlin, nicht
Deutschland, Europa sollte es sehen. Dazu gab es nur eine
Gelegenheit. Er mußte sie erwarten. Noch war seine Stunde nicht
gekommen.
Er blieb fern. Aber es wurde ihm schwer. Zum ersten Male sah er den Preis seiner Vaterstadt über die kurze Strecke, der vor vier Jahren sein erster großer Sieg gewesen und den er seitdem Jahr für Jahr behauptet, in fremden Besitz übergehen. Freiwillig gab er den Meistertitel Berlins aus den Händen und seinen Namen neuer Vergessenheit preis!—Freiwillig—denn an demselben Tage schwamm er, für sich allein, einmal am Morgen und einmal am Nachmittage in einer eben geöffneten, entlegenen Badeanstalt der Umgegend die hundert Meter in einer Zeit, die seinem eigenen Rekord vor zwei Jahren fast gleichkam und die Zeit des Siegers—auch eines alten Gegners—beide Male übertraf.
Er biß die Zähne aufeinander. Er wollte noch nicht. Denn er durfte noch nicht!—
Wieder vergingen Wochen, und der Sommer war da. Das Wasser wurde täglich wärmer. Langsam nahte sein Tag: der Tag des großen Festes des Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes, der größten internationalen schwimmsportlichen Veranstaltung des Jahres, nicht nur für Deutschland, sondern alle benachbarten Länder; der Tag der großen Entscheidungskämpfe über die allerersten Meisterschaften des Weltteiles.
Und er erwartete ihn.
Dann fiel sein Blick eines Tages im "Welt-Sport" auf seinen Namen, seit langer Zeit zum erstenmal wieder, und sein Herz schlug höher bei dem, was er las. Es war eine Kritik des letzten Berliner Bundesschwimmens und in der Hauptsache die Besprechung des Sieges des jungen Georg Bauer vom "Triton", wo es am Schluß hieß: