Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer—die Jahre dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs.
Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von tausend Metern—den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen Siege.
Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte, reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt.
Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes" sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder, der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!—
Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis, indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen Schlaf zu rüsten.
Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge, die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die Menschen, herniederstrahlte.
Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren Kreisen gewonnen haben mußte.
Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall begleitet.
Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland, endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte, als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.
Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.